Grenchen
26.12.2017

Das Positive sehen!

Stadtpräsident François Scheidegger will auf Weitsicht und nicht nur auf die nächsten Wahlen hin planen.

Stadtpräsident François Scheidegger will auf Weitsicht und nicht nur auf die nächsten Wahlen hin planen.

Anfang Juli wurde François Scheidegger erstmals als Stadtpräsident in seinem Amt bestätigt. Auf ihn entfielen über drei Viertel der Stimmen im Kampf gegen einen Herausforderer. Scheidegger ist in den letzten gut vier Jahren in seinem Amt gewachsen und sieht rückblickend auf das auslaufende Jahr viel Positives.

JOSEPH WEIBEL (TEXT UND BILD)

Der Umgang und die Zusammenarbeit mit politischen Behörden kommen für einen Stadtpräsidenten oft einem Seiltanz gleich. Parteizugehörigkeit, Persönlichkeit, Empathie oder Antipathie können ebenso Einfluss haben wie partielle Interessen. Wie sieht der Stadtpräsident die letzten zwölf Monate?

Er blickt zurück auf einen «alten» und «neuen» Rat, der an den diesjährigen Gemeinderatswahlen neu bestellt wurde. Die Zusammenarbeit sei stets konstruktiv gewesen, der Gemeinderat betreibe eine gute Sachpolitik. Eine wichtige Stütze dabei war Vizestadtpräsident Urs Wirth, diese ausgezeichnete Zusammenarbeit werde mit seinem Nachfolger Remo Bill weitergeführt. Die unterschiedliche Parteizugehörigkeit spiele dabei keine Rolle.

Es kommt nicht immer so, wie man es sich ausdenkt. Gab es 2017 Projekte, die nicht realisiert werden konnten?

Nein, die Stadt sei auf Kurs. Die Strategie der Stadt gehe dahingehend, dass die nötigen Investitionen nicht aus kurzfristigen Überlegungen zurückgestellt, sondern ausgelöst würden. Die Stadt verfüge über Eigenkapital, das dafür eingesetzt werden könne. Unbesehen dessen müssten die Bemühungen zur Beseitigung der strukturellen Defizite unvermindert fortgesetzt und die laufende Rechnung ins Lot gebracht werden. Die gegenwärtige Finanzlage berge auch Chancen: Sie zwinge die Behörden, Althergebrachtes zu hinterfragen und neue Ansätze zu entwickeln. Auch unpopuläre und schwierige Dossiers müssen bearbeitet werden, wie beispielsweise in diesem Jahr die Revision der Pensionskasse oder die Abschaffung des Beamtenstatus.

Warum sind die Finanzen so angespannt?

Die Antwort sei einfach: Die Einnahmen seien von 108 Mio. Franken im Jahr 2013 auf heute knapp 95 Mio. Franken eingebrochen – das entspreche einem Minus von 13 Mio. Franken!

Da sind also auf der einen Seite fehlende Einnahmen, und auf der anderen Seite dringende Investitionsvorhaben?

Wie erwähnt, dürften Investitionen nicht ohne Not aufgeschoben werden – irgendeinmal werde man sonst von der Realität eingeholt, und es wird im Ergebnis vielleicht sogar teurer. Dringende bauliche Massnahmen wie beispielsweise die Sanierung der Tribüne in der Badi, die Instandstellung der Personalräume Werkhof, der Treppenaufgang zum Schulhaus I oder die Friedhofsmauer etc. seien inzwischen ausgeführt bzw. noch in Arbeit. Für 2018 sollten insbesondere folgende Investitionen getätigt werden: diverse Tiefbauprojekte wie Däderizstrasse West, Kirchstrasse Nord oder die Schöneggstrasse, die Stadtbibliothek, der Anschluss des Parktheaters und des Schulhauses IV an die Heizzentrale und die Küchensanierung des «Parktheaters».

Wie hat sich die Stadt wirtschaftlich entwickelt?

Grenchen gelte als Industriestadt der Zukunft, mit nach wie vor grossem Ansiedlungspotenzial. Die Stadt sei bekanntlich auch einer der Topentwicklungsstandorte der Hauptstadtregion Schweiz. Die Signale aus der Wirtschaft seien im Allgemeinen wesentlicher positiver als auch schon. Viele Betriebe seien voll ausgelastet und klagten bereits wieder über mangelndes Fachpersonal. Er gebe seiner Hoffnung Ausdruck, dass der positive Trend auch im neuen Jahr anhalten wird und die Firmen auch wieder mehr Steuern abliefern.

Eigentums- und Mietwohnungen werden derzeit auch in Grenchen gebaut, als würde es kein Morgen geben. Gibt das nicht auch zu Besorgnis Anlass?

Grenchen gelte als idealer Wohnstandort mit hervorragenden Hanglagen. Er begrüsse Wohnungen in einem höheren Preissegment, die gute Steuerzahler angezogen haben und weiter anziehen. Man spüre auch den Sog der im Bau befindlichen Produktionsstätten der CLS Behring in Lengnau oder Biogen in Luterbach. Es besteht durchaus ein gewisser Bedarf, die Investitionen in den Wohnungsbau sind ausserdem ein Bekenntnis zum Standort Grenchen und insofern positiv zu werten. Leider gibt es auch einige negative Auswüchse. Mit den Neubauten erhöhe sich automatisch der Leerwohnungsbestand – es brauche eben eine gewisse Zeit, bis der Markt das neue Angebot aufnehmen könne.

Grenchen verfügt über eine intakte Infrastruktur, und schöne Naherholungsgebiete und urbane Zentren sind schnell erreichbar. Der Detailhandel hingegen hat einen schweren Stand. Dazu kommt ein meist leerer und scheinbar schlecht genutzter Marktplatz. Wirklich?

Natürlich nicht. Es gebe mehr Aktivitäten auf eben diesem Platz, als man denke. Hinzu komme, dass ein grosser Platz schnell einmal leer wirke. In der Sommerzeit fand fast jedes Wochenende irgendein Event auf dem Marktplatz statt – das sei doch toll! Dafür würde Grenchen selbst von Solothurnern benieden...

Deshalb wollte man ihn immer wieder umgestalten, den Marktplatz. Passiert ist nichts. Warum?

Der Marktplatz müsse in der Tat weiter attraktiviert und zum Zentrum für die ganze Agglomeration entwickelt werden. Die Thematik sei aber vielschichtig, und nur mit Anlässen lasse sich die Grundproblematik nicht lösen: Der Marktplatz biete aber gerade wegen seiner Grösse und Lage viele Chancen, bauliche Änderungen müssen deshalb sehr gut überlegt sein. Die Gemeinderatskommission habe im Herbst unter dem Arbeitstitel «Lebendiges Grenchen» ein Projekt gestartet, welches ein möglichst breites Spektrum von Massnahmen zur positiven Zentrumsentwicklung abdecke. Dieses umfasst verschiedene Teilaspekte wie z.B. «Aufwertung des Marktplatzes durch Installationen und Veranstaltungen», «Nutzung leerstehender Räumlichkeiten», Verbesserung Publikumsmix Marktplatz» und anderes mehr. Die gesetzten Ziele seien ambitiös und der Erfolg unsicher, nichts tun sei aber auch keine Alternative!