Grenchen
09.10.2018

Ein «Grenchner Schild» für bedürftige Menschen

Initiator David Aebischer in seinem Büro in der Remise der ehemaligen «Lambert Villa» in Grenchen.

Initiator David Aebischer in seinem Büro in der Remise der ehemaligen «Lambert Villa» in Grenchen.

Am Freitag vor einer Woche sammelte die Glückskette für die Tsunami-Opfer in Indonesien. Die Schweiz ist für ihre karitative Ader bekannt – vor allem, wenn es um ausländische Hilfsaktionen geht. Und in der Schweiz selbst? Auch da gibt es Bedürftige. In Grenchen entsteht eine gemeinnützige Hilfsorganisation, die direkt Gutes tun will.

Joseph Weibel (Text und Foto)

David Aebischer ist seit 28 Jahren Unternehmer. Er ist Inhaber einer Musikschule in Düdingen, und er ist Musikmanager. Längere Zeit führte er die Geschäfte von Mundartrocker Florian Ast. Letztes Jahr hat der umtriebige Unternehmer ein «Männerbüro» eröffnet, das er heute noch führt – in der Remise der ehemaligen «Lambert Villa». Seine Erfahrungen aus Gesprächen mit Klienten im Männerbüro oder seine früheren Erfahrungen als Jugendarbeiter und Familienbegleiter haben ihm deutlich aufgezeigt, dass auch hierzulande viele Menschen am Rande der Existenz leben (müssen).

Lebensmittel weiter verwenden

Vor einem Jahr hat er im Rahmen des Projekts «Startup Coworking Space» in der ehemaligen Credit-Suisse-Filiale in Grenchen ein Männerbüro eröffnet und führt es nun in der Remise in der «Lambert Villa» weiter. Vor einiger Zeit kam er auf eine weitere Idee. Am Beispiel von «Tischleich deck dich» wollte er ein lokales Projekt mit dem Namen «Grenchner Schild» auf die Beine stellen. Der Name sei Begriff für die gemeinnützige Hilfsorganisation, die Lebensmittel, welche im Wirtschaftskreislauf nicht mehr verwendet und ansonsten vernichtet werden würden, an Bedürftige gegen geringes Entgelt abgebe. «Gewöhnlich sind es Produkte, die kurz vor dem Verfalldatum stehen, aus einer Überproduktion stammen oder deren Verpackung beschädigt ist», sagt David Aebischer. «Tischlein Deck dich» verfolgt auf nationaler Ebene ein ähnliches Ziel und erhält jährlich alleine von Coop 90 Millionen Artikel, die stark vergünstigt an Menschen mit geringem Einkommen verkauft werden.

Lokal gesucht

Aebischer führte viele Gespräche mit dem Grenchner Gewerbe und auch mit Restaurantbetreibern. Eine ältere Idee von ihm lässt sich künftig in beteiligten Restaurants evtl. gleichzeitig umsetzen. Wer einen Kaffee trinkt, kann z.B. zwei bezahlen. Die so «zu viel» bezahlten Getränke stehen jenen Personen zur Verfügung, die im künftigen Shop einkaufen dürfen.

«Meine Idee ist durchwegs auf offene Ohren gestossen», freut er sich. Er wird auch nach der Eröffnung des ersten «Grenchner Schild»-Shops weitere Interessenten kontaktieren – auch ausserhalb der Stadtgrenzen. Gegenwärtig ist er auf der Suche nach einem geeigneten Lokal am Marktplatz oder im Zentrum. «30 bis 40 Quadratmeter müssten es sein», so Aebischer. Er ist natürlich und vor allem in der Anfangsphase auf ein Entgegenkommen von einem Vermieter angewiesen. Er werde das Geschäft anfänglich alleine führen, um so die Kosten möglichst tief zu halten. Neben Lebensmitteln sucht David Aebischer andere Artikel des täglichen Bedarfs und meint damit Textilien oder auch Elektronikgeräte.

Wer erhält eine Einkaufskarte?

Wer im «Grenchner Schild» künftig einkaufen will, benötigt eine «Schild»-Karte. Aebischer hofft auf die Zusammenarbeit mit der Stadt, die aufgrund des Steuerregisters jene Einwohnerinnen und Einwohner mit einem Einkommen bis 40000 Franken (Familien) oder 25000 bis 30000 Franken (Einzelpersonen) bezeichnet. Diese Menschen erhalten eine «Schild»-Karte. Aebischer ist sich bewusst, dass viele Menschen sich genieren und vom Angebot keinen Gebrauch machen wollen. Daran hat Daniel Aebischer auch schon gedacht. Ihm schwebt deshalb vor, mit einem kleinen Kaffee im Shop, das Allen zugänglich, diese Schwellenangst zu überwinden. Falscher Scham sei sowieso nicht angebracht.

Start in ein bis zwei Monaten

Wen bezeichnet David Aebischer als bedürftig? «Ich mache immer wieder die gleiche Erfahrung. Vor allem bei Scheidungen oder Trennungen kann sich das Leben eines Menschen grundsätzlich verändern.» Viele würden den Gang zum Sozialamt scheuen und oft zu lange ihr «altes Leben» der Öffentlichkeit vorgaukeln. «Das kann schnell einmal in der Bedürftigkeit enden.» An der Existenzgrenze sind aber auch viele Menschen, die arbeiten, aber mit dem Salär kaum ihren Lebensunterhalt abdecken können. Oder alleinerziehende Frauen, die sozial zu wenig abgedeckt sind und ihr Haushaltsbudget mit vergünstigten Produkten ebenfalls stark entlasten könnten.

Wann will David Aebischer sein Projekt in die Tat umsetzen? «In ein bis zwei Monaten, hoffe ich, möchte ich mit dem Shop starten.»

Mehr Informationen oder Angebote: d.aebischer@power-agency.ch