Arch
05.11.2018

«Man ist nie zu alt, um etwas Neues zu machen»

Keinen Sinn für Ruhestand: Der Pensionär Hans-Peter Affolter aus Arch arbeitet einige Wochen im Jahr als Bergbauer in Adelboden.

Keinen Sinn für Ruhestand: Der Pensionär Hans-Peter Affolter aus Arch arbeitet einige Wochen im Jahr als Bergbauer in Adelboden.

Der gelernte Lastwagenmechaniker Hans-Peter Affolter wollte sich nach seiner Pensionierung nicht einfach zur Ruhe setzen und machte einen lang gehegten Traum wahr: Er wurde – zumindest saisonal – ein Bauer und hilft nun mehrere Wochen im Jahr einer Familie in Adelboden auf deren Hof und Alpen aus.

Stefan Kaiser (Text und Foto)

Seit vier Wochen ist Hans-Peter Affolter wieder runter von den Bergen und im heimischen Arch. Er empfängt seinen Besuch mit festem Händedruck und bittet ins helle Wohnzimmer. 25 Jahre wohnen er und seine Frau Silvia schon in einem der beiden Mehrfamilienhäuser hier oben am Dorfrand gegen Bibern am Moosweg, wo das Ehepaar als Hauswart amtet. «Das war damals bei der Wohnungssuche ein entscheidendes Kriterium, dass wir die Abwartsstelle bekommen», erklärt Affolter. Damit wollte er sicherstellen, dass er auch nach seiner Pensionierung noch einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen kann. Nun ist Hans-Peter Affolter seit fünf Jahren pensioniert, im Haldenquartier in Grenchen hat er eine weitere Abwartsstelle, und in diesem Frühling hat er sich ausserdem einen alten Wunsch erfüllt: Er wurde Bauer.

Aus der Werkstatt an die Bergluft

Doch wie kam es dazu? Hans-Peter Affolter ist auf einem Heimetli, also einem Heimwesen für Arbeiter, die früher in der Freizeit noch Landwirtschaft betrieben, in Leuzigen aufgewachsen. «Ich wollte immer Bauer werden», erinnert sich der 69-Jährige, «doch unser Heimetli war zu klein für einen eigenen Betrieb.» So lernte er Lastwagenmechaniker und arbeitete von 1964 bis 1968 bei Vollenweider in Grenchen. Nach Stationen in Lausanne und Biel war er dann während 23 Jahren für CreaBeton in Lyss tätig, wo er am Ende als Werkstattchef mit acht Mitarbeitern einen Baumaschinen- und Lastwagen-Park mit über 200 Fahrzeugen unterhielt.

Letzten Herbst setzte sich Hans- Peter Affolter dann ganz konkret mit seinem alten Traum vom Bauersein auseinander. Er gelangte an das Inforama Berner Oberland in Hondrich, dem Kompetenzzentrum für Berg-, Alp- und Hauswirtschaft, und bekam schliesslich über www.zalp.ch, eine Internetplattform für Älplerinnen und Älpler, eine Stelle als Bergbauer bei der Familie von Gottfried und Christa Hari in Adelboden vermittelt und durfte sich im Oktober vorstellen. «Es gefiel mir sofort, und die Chemie stimmte auch», schwärmt Hans-Peter Affolter. Und so konnte er im Mai dieses Jahres seinen ersten Einsatz als «Stören-Bauer» leisten. «Ich wurde von der Familie sehr liebevoll aufgenommen, so, als kennen wir uns schon ewig.»

Viel Handarbeit und wenig Hektik

Dieser erste Einsatz dauerte fünf Wochen. Familie Hari führt auf dem Hirzboden in Adelboden einen Mastbetrieb mit neun Kühen. Hans-Peter Affolter half vor allem dabei, die Weiden parat zu machen, also Steine wegzuräumen, Placken auszustechen und die Häge zu errichten sowie die Landwirtschaftsmaschinen zu warten. Dann fand der erste Alpaufzug aufs Zuckerweidli statt, und im Juni zogen Haris noch weiter hinauf auf die Bonderalp, wo sie bis im September blieben. Viehhändler Gottfried Hari musste etwa alle zwei Tage zur Arbeit ins Tal und zum Heuen auf die unteren Weiden. Dann vertrat Hans-Peter Affolter ihn oben auf der Alp und kam dabei in die glückliche Situation, die Geburt eines Kalbes mitzuerleben (siehe Stadt-Anzeiger vom 18.10.2018). «Ich habe schon früher beim Kalbern geholfen», erzählt Affolter, «aber es ist immer wieder schön, und ich war auch nervös, denn alles muss sehr schnell gehen, damit das Kalb nicht erstickt.»

In den Bergen ist Hans-Peter Affolter beeindruckt von der Nähe zur Natur mit ihren Gewalten und Schönheiten. «Unsere Familie verbringt alljährlich Ferien in Adelboden», sagt der Vater zweier erwachsener Kinder und vierfache Grossvater, «und von meinem Zimmer aus auf dem Hirzboden hatte ich einen herrlichen Blick auf den Tschenten.» Ein weiterer willkommener Kontrast zum Leben im Mittelland: «Das Leben als Bergbauer ist in der Regel weniger hektisch, und viel Arbeit muss noch von Hand verrichtet werden.»

Und wieder wird ein Kalb geboren

Der Viehhändler und Bauer Gottfried Hari schien mit Affolters Arbeit sehr zufrieden, denn Anfang Oktober konnte er für eine weitere Woche auf den Hirzboden, um vor allem mit den Tieren zu helfen. Und wie es der Zufall wollte, durfte er gleich einer weiteren Geburt eines Kalbes beiwohnen. Die beiden Familien hielten auch unter dem Jahr den Kontakt aufrecht und feierten etwa den 1. August zusammen. «Familie Hari ist einfach mega toll», hält Affolter fest, «und wir haben bereits vereinbart, dass ich im nächsten Mai wieder rauf gehe.»

Inzwischen halten er und seine Frau Silvia sich mit Wanderungen und Velotouren fit. Auch auf Morgengymnastik wird nicht verzichtet, denn das spende Freude und motiviere für den ganzen Tag. Und wenn es die Gesundheit zulässt, möchte Hans-Peter Affolter auch gerne noch eine Weile als Bergbauer helfen. Denn: «Ich habe lange Zeit nicht gedacht, dass es mit dem Bauern noch klappt. Aber ich habe festgestellt, dass man nie zu alt ist, um etwas Neues zu machen.»