Grenchen
22.11.2018

«Gäu Samichlaus, I muess ke Ruete ha!»

Theo Heiri ist seit rund 35 Jahren als Sankt Nikolaus unterwegs.Was gibt es Schöneres als strahlende Kinderaugen, wenn der Sankt Nikolaus zu Hause einen Besuch macht.

Theo Heiri ist seit rund 35 Jahren als Sankt Nikolaus unterwegs.

Was gibt es Schöneres als strahlende Kinderaugen, wenn der Sankt Nikolaus zu Hause einen Besuch macht.

Einmal im Jahr schlüpft Theo Heiri in das Sankt-Nikolaus-Gewand und besucht Familien mit Kindern in Grenchen und der umliegenden Region – seit rund 35 Jahren. Müde seines Amtes ist er kein bisschen. Im Gegenteil: «Diese Aufgabe ist auch heute noch eine sehr dankbare.» In einer Woche werden die im Bischofsgewand eingekleideten Sankt Nikoläuse ausgesandt.

JOSEPH WEIBEL

Nikolaus von Myra ist einer der bekanntesten Heiligen der Ostkirchen und der lateinischen Kirche, besagt die kirchliche Geschichte. Sein Wirken hat zu vielfältigen Legendenbildungen beigetragen; vor allem wird im Christentum bis heute ein Brauchtum gepflegt. An seinem Gedenktag, dem 6. Dezember, gilt Nikolaus als Geschenkebringer. Dabei wird in vielen Erzählvarianten davon berichtet, dass der heilige Nikolaus die guten Kinder lobt und beschenkt, die bösen tadelt und durch Schläge mit der Birkenrute bestraft. Welche Kinder im auslaufenden Jahr gut oder böse waren, liest er in seinem «goldenen Buch». In Luxemburg und auch in Italien gibt es die hauptsächlichen Geschenke zum 6. Dezember und weniger zu Weihnachten.

Magnetische Wirkung

Auch wenn Brauchtümer heute leider immer mehr an Bedeutung verlieren, so hat der Besuch des Sankt Nikolaus am 6. Dezember nach wie vor magnetische Wirkung. Das bestätigt auch Theo Heiri, einer der «dienstältesten» Sankt Nikoläuse in Grenchen. «Vieles hat sich in den Wohnzimmern, wo wir zu Besuch sind, geändert, anderes ist gleich geblieben», so Heiri. So erinnert er sich an einen seiner ersten Besuche vor knapp 40 Jahren bei einer italienischen Familie. «Das Wohnzimmer war hell ausgeleuchtet, und der Vater der Familie stand mit der S8-Kamera bereit.» Wenn Sankt Nikolaus im Haus ist, so wird das auch heute noch im Bild festgehalten, nur mehr mit Digitalkamera oder Handy. Unterschiedlich – und das sei früher nicht anders gewesen – präsentiere sich das Dekor im Haus oder in der Wohnung. «Wenn es nach Kerzen duftet und das Wohnzimmer festlich geschmückt ist, so denkst du, in ein Sankt-Nikolaus-Haus einzutreten. Es versetzt dich in eine ganz andere Stimmung.»

Respekt nach wie vor da

Auffällig und sehr positiv sei, dass der Respekt vor dem Sankt Nikolaus in keiner Weise gelitten habe. «Man spürt sowohl bei den Erwachsenen wie vor allem bei den Kindern die gebotene Zurückhaltung gegenüber dieser Person im Bischofsgewand.» Das vermittle den Eindruck, dass man dem Besuch des Nikolaus mit dem nötigen Respekt entgegne und so zur andächtigen und festlichen Stimmung beitrage. «Wenn wir nur noch Dekor für ein privates Familienfest sind, so wären wir am falschen Platz.»

Familien tun sich zusammen

100 bis 120 Familien werden vom 6. bis 8. Dezember besucht. Dazu kommen 20 bis 30 Auftritte bei Vereinen, in Schulen oder Kindergärten. Tendenz? «Eher abnehmend,» erwidert Theo Heiri. Er vermutet einerseits, dass das Angebot, besonders bei Neuzuzügern, vielleicht zu wenig wahrgenommen werde, und zum andern stellt er zunehmend fest, dass sich Familien zusammentun und gemeinsam zu Hause, im Freien oder gar im Wald den Sankt-Nikolaus-Tag feiern. «Solche Gruppenfeiern vermitteln noch einmal eine ganz andere und durchaus gute Stimmung.»

Nicht die Rolle des Erziehers

Der Sankt Nikolaus verkörpere heute nicht mehr die die Guten belohnenden und die Bösen bestrafenden Figur, sagt Heiri. Er lege persönlich Wert darauf, dass er nicht an einem Tag im Jahr die Rolle des Erziehers übernehmen müsse, sondern den Kindern vor allem Freude und weniger nur mahnende Worte überbringen müsse. «Wichtig ist, dass wir Erwachsene eine möglichst einfache und direkte Sprache verwenden.» Wenn ein Kind frage, warum er ohne Eselchen gekommen sei, so gebe er als Antwort: es sei krank oder draussen sei es zu kalt. «Damit ist für die Kinder die Sache erledigt. Sie erwarten keine ausführliche oder gar ausweichende Antwort. Kinder haben eine andere Logik als Erwachsene.» Er versuche in erster Linie auf die Kinder einzugehen und zu spüren, wenn der Respekt bzw. die Angst überhand nehme. «In einem solchen Fall sind Individualität und vor allem Flexibilität verlangt.» Wenn er Kinder tadeln müsse, so seien die Themenbereiche von früher auch heute noch gültig, schmunzelt Theo Heiri: mehr Disziplin bei den Hausaufgaben, beim Zimmer aufräumen – oder am Tisch mehr Gemüse zu essen.

Jedem sein Chlausensäckchen

Auch wenn die heutige Zeit von vielen Konsumversuchungen geprägt ist, so halte sich die Anzahl der zu verteilenden Geschenke beim Sankt-Nikolaus-Besuch in Grenzen. «Jedes Kind erhält von uns ein gefülltes Samichlaus-Säckchen. Je nachdem liegen dann noch vor der Türe Geschenke für die Kinder bereit.» Die Quantität und Grösse der Zuwendungen hänge ein bisschen vom Brauch einer Familie ab. «Bei den Italienern werden die grösseren Weihnachtsgeschenke am Sankt-Nikolaus-Tag verteilt.»

Die Grenchner Sankt-Nikolaus-Organisation ist nicht als Verein, sondern als lose Gruppe geführt. Sie umfasst rund 80 freiwillige Personen, die unterschiedliche Funktionen wahrnehmen. Ein Team kümmert sich beispielsweise um die Füllung der rund 400 Chlausensäckchen pro Jahr. Diese werden den Familien, die einen Sankt-Nikolaus-Besuch wünschen, in Rechnung gestellt. Ein Säckchen kostet 9 Franken. Die meisten Familien würden über diesen Obolus hinaus noch etwas bezahlen. Für die Organisation ist das nicht ganz unwichtig. Alleine ein neues Sankt-Nikolaus-Gewand kostet 2000 bis 2500 Franken. «Wir möchten dieses Brauchtum so lange wie möglich noch aufrechterhalten», betont Theo Heiri, der 1978 zum ersten Mal als Diener den Sankt Nikolaus begleitete, und drei Jahre später dann selber als die Symbolfigur die Familien besuchte.