Die Grenchner-Stadt-Anzeiger-Serie
22.11.2018

Einblick oder ein Blick für alle

Yvonne Bally trägt ihre Töchter (rechts: Nadia, Jahrgang 1981; links: Daniela, 1987) und ihren Enkel Leo (2014) auf Händen. Familienarchiv)

Yvonne Bally trägt ihre Töchter (rechts: Nadia, Jahrgang 1981; links: Daniela, 1987) und ihren Enkel Leo (2014) auf Händen. Familienarchiv)

Auf ein Wort mit ... Yvonne Bally.

Joseph Weibel

Yvonne Bally’s Strahlen in den Augen ist ansteckend. Wer die letzte Treppenstufe bis zum Empfangsschalter erklommen hat und Yvonne Bally sieht, kann weder erzürnt sein noch ein grimmiges «Montagmorgen»-Gesicht aufsetzen. Müsste man meinen. Manchmal erlebt die gebürtige Grenchnerin auch die andere Seite. Und sie hat Erfahrung darin. Seit 20 Jahren ist sie die erste Anlaufstelle im «Hôtel-de-Ville» – ob persönlich am Schalter oder am Telefon. Und eigentlich – wäre Yvonne Bally seit diesem März in Pension. «Wäre»! Ihre Vorgesetzten haben sie angefragt, ob sie noch ein Weilchen auf diesem Posten, der auch die Mitarbeit bei der Einwohnerkontrolle umfasst, weiterarbeiten möchte. Ihr wurde ein neuer, unbefristeter Arbeitsvertrag (70-Prozent-Pensum) angeboten. Ein Vertrag, den sie aber jederzeit kündigen kann – wenn sie denn möchte.

Die Schlichterin

Wir sitzen im Raum, in dem gewöhnlich der Friedensrichter zwischen zwei Parteien schlichten muss. Auch Yvonne Bally muss manchmal schlichten. «Es gibt in meinem Alltag auch unangenehme Kontakte.» Sie wirkt einen Moment betreten. «Menschen», sagt sie, «die unwirsch das Stadthaus aufsuchen und fast nicht zu beruhigen sind.» Yvonne Bally erzählt in ihrer besonnenen Art und mit ruhiger Stimme. Und wie kann sie solche Menschen besänftigen? Yvonne Bally lächelt und macht ein leicht besorgtes Gesicht: «Es ist nicht immer einfach. Ich versuche einfach freundlich und ruhig zu bleiben.» Die positiven Kontakte würden aber überwiegen, sagt sie.

Die Trösterin

Sie empfängt auch glückliche Menschen, die ihre Heirat mitteilen oder die Geburt eines Kindes bei der Einwohnerkontrolle melden. Die andere Seite sind die von Trauer erfüllten Bürger, die den Tod eines Angehörigen beklagen und einen beschwerlichen Gang auf die Gemeinde machen müssen. Yvonne Bally findet die richtigen Worte. Manchmal verlasse sie den Schalterraum, um dem trauernden Menschen kurz nahe zu sein, und versuche, ihm auf diese Art Trost zu spenden. Yvonne Bally öffnet die Hände: «Ich weiss am Morgen nie, was mich an diesem Tag alles erwartet.» Genau diese Ungewissheit, dieser Spannungsmoment, würden aber ihren Beruf zur täglichen Herausforderung machen. Eine Aufgabe, die sie liebt und gerne annimmt.

Die Bescheidene

In einem Vorgespräch sagte mir Yvonne Bally: «Was soll ich denn über mich erzählen. Es gibt nichts Besonderes oder mir wichtig Erscheinendes.» Wirklich? Die 64-Jährige, immer adrett gekleidet, gut frisiert und mit dezentem Make-up, macht in ihrer Freizeit eigentlich alles das, was viele andere längst nicht mehr machen oder verlernt haben. Zum Beispiel? Vor 40 Jahren habe sie sich eine Bernina-Nähmaschine gekauft. Damit flicke sie nach wie vor ihre Kleider selber. «Die ‹Bernina› läuft wie geschmiert», schmunzelt sie. Sie sammelt alle für sie relevanten und interessanten Zeitungs- und Magazinartikel und legt sie fein säuberlich in Ordnern ab. Das macht sie seit 20 Jahren. Es sind Artikel, die ihre Arbeit betreffen – zum Beispiel Wissenswertes über den Vorsorgeauftrag oder das Testament. Es sind aber auch Beiträge über Ereignisse, mit denen sie selbst konfrontiert war – wie zum Beispiel ihre direkten Begegnungen mit dem Mann, der sich schon mehrmals vor dem Richter verantworten musste.

Sie backt gerne einen Zopf oder Brot. «Eigentlich regelmässig», sagt sie. Ihre Leidenschaft gilt auch der Fotografie. Am liebsten hat sie ihre eigene Familie vor der Linse.

Die Menschenkennerin

Jetzt wird es spannend: Und sie gehört seit über 30 Jahren dem Schweizerischen Verein für Menschenkenntnis an und besucht gerne spannende Vorträge. Zum ersten Mal in diesem Gespräch fällt mein Blick auf meine Hände. Wo sind sie? Was mach ich mit den Beinen? Schau ich Yvonne Bally direkt ins Gesicht oder wendet sich mein Blick immer wieder ab? Diese Fragen stellt man sich, wenn man einer Person gegenübersitzt, die das Wesen der Physionomie kennt. Sie erzählt: «Wenn jemand an den Schalter tritt, so kann ich in der Regel sofort erkennen, wie sich diese Person fühlt. Ob sie Aggression ausstrahlt oder aber Fröhlichkeit. Ob sie traurig oder aufgeregt ist.» Sie findet diese Art der Menschenkenntnis überaus spannend.

Die Verschwiegene

Die wichtigste Gabe, die Yvonne Bally auszeichnet, ist ihre Verschwiegenheit. Als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, sagt sie: «Diskretion ist das Ein und Alles in meiner Profession.» Vielleicht finden deshalb auch Mitarbeitende der Stadt immer wieder Zuwendung, wenn sie ein Problem plagt, das sie mit Yvonne Bally besprechen können.

Die gebürtige Grenchnerin wohnt seit 18 Jahren in Bettlach – «im Mathys-Block», ergänzt sie. Da fühle sie sich wohl – weil sie schnell im Grünen, aber auch ebenso rasch im Zentrum, bei der Bushaltestelle und beim Bahnhof sei. Das ist nicht unwichtig. Vor vier Jahren litt sie an einer Netzhautablösung am Auge und kann seither nicht mehr Auto fahren. Bus oder Zug sind zu ihren täglichen Begleitern zur Arbeit oder in die Stadt geworden.

Die Hilfreiche

Hand aufs Herz, Frau Bally. Sie könnten seit einigen Monaten Ihren Ruhestand geniessen, auf Reisen gehen, tun, was gerade Spass macht. Yvonne Bally blickt wieder auf, und ihr Lächeln im Gesicht verrät: «Ja, könnte ich. Aber Reisen sagt mir nicht viel. Mir gefällt es in meiner Heimat. Ich liebe meine beiden Töchter und meinen Enkel. Ich habe alles, was mir im Leben Freude macht.» Sie sagt das in ihrer bescheidenen Art. Sie kann, auch wenn sie weiterhin arbeitet, ihre sozialen Kontakte pflegen – auch zu ihren Schwestern und ihrem Bruder und ganz besonders auch zu ihrer betagten Mutter. Sie folgt gerne Einladungen – und legt sie, sofern diese schriftlich kommen, ebenfalls fein säuberlich in einem Ordner ab.

Die Frage ist überflüssig – ich stelle sie trotzdem: Was bedeuten ihr die sozialen Medien: Handy, Facebook, Twitter oder Instagram? «Nichts. Ich will anonym bleiben. Ich habe noch ein altes Handy zum Telefonieren.»

Und so werden Besucher des Stadthauses für gewöhnlich weiterhin auf die frohen Augen stossen am Empfang oder die freundliche Stimme am Telefon hören, wenn sie ins Hôtel-de-Ville anrufen. «Die Leute erwarten am Auskunftsschalter Service public. Und deswegen muss ich vielseitig Auskunft geben», sagt sie mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie alles andere in diesem Gespräch. Vielleicht müssten die einen oder anderen Zeitgenossen, die das Wort Service public gerne in den Mund nehmen, einmal ein Stück Erfahrung von Yvonne Bally abschneiden.