Grenchen
18.11.2020

Ein Stück Heimat steht noch in der Garage

Stephan Treichel ist Buschauffeur aus Passion – seit über 30 Jahren.

Stephan Treichel ist Buschauffeur aus Passion – seit über 30 Jahren.

Er kurvt durch die Stadt und bringt Menschen von A nach B. Er kämpft mit der Uhr und den Fahrplan; muss sich zeitweilig auch anpöbeln lassen oder man zeigt ihm den Vogel, weil er dem Fahrgast vermeintlich die Türe vor der Nase zuschlägt. Ein Linienbusfahrer hat es nicht leicht, aber am Beispiel von Stephan Treichel, seit elf Jahren Chauffeur bei der BGU, zeigt sich, dass dieser Beruf wohl auch viele schöne Seiten hat. Wir starten mit Stephan Treichel eine kleine Serie und zeigen Busfahrer auch noch von einer anderen Seite.

Von: Joseph Weibel

Nein. Von hier ist er nicht. Auch nicht von weiter weg, sondern er kommt von ganz weit weg, würde der Schweizer sagen, wenn er hört, dass einer eine 850 Kilometer lange Autostrecke zurücklegen muss, um mal schnell seinem anderthalbjährigen Enkel «Tschüss» zu sagen. Stephan Treichel spricht schnell. Berlinert er? Nein. Wohl nicht ganz. Aufgewachsen ist er gut 150 Kilometer westlich von Berlin, in Magdeburg. Er schmunzelt: «Ja, ich bin ein ehemaliger Ossi».

Der Zufall wollte es
Er wirkt nicht nur so, er ist es: sympathisch. Immer ein Lächeln oder Schmunzeln auf dem Gesicht; und er ist ein eifriger Erzähler. Wie um Gottes Willen, kommt man von Magdeburg ins 850 Kilometer entfernte Grenchen. Es war wieder, wie so oft, alles Zufall. Er arbeitete als Kombichauffeur in der ehemaligen DDR. Kombi steht für Bus- und Tramchauffeur. Seine Frau erhielt eine berufliche Möglichkeit im Schwarzwald. «Für mich war das keine Option. Ich war damals 42, und zu alt, um beruflich im Schwarzwald Fuss zu fassen». Aber mindestens in die Nähe seiner Frau wollte er. Also sah er sich in der Schweiz um und verschickte eine Initiativbewerbung. Die BGU meldete sich bei Stephan Treichel.  Es kam zum Gespräch, «das gut verlief», sagt er. Und schon hatte er einen Job in diesem wunderschönen Land, wie er immer wieder sagt.
Seine Frau blieb dann aber in Magdeburg zurück – und wohnte weiterhin in der Nähe ihrer gemeinsamen Tochter. Anderthalb Jahre, als der kommunikative Stephan Treichel schon ganz heimisch war in der Uhrenstadt, zog seine Frau nach.

19 Jahre auf einen Trabi gewartet
Ich spreche nicht oft mit Menschen, die in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind und vieles miterlebt haben. Und ich frage ihn, wie er oft auch von anderen gwundrigen Mitmenschen gefragt wird: Wie war das? War es wirklich so, wie man immer gehört hat? Treichel schmunzelt. «Willste wissen?» Natürlich. Wie lange hat er auf einen Trabi gewartet? Es kommt wie aus der Pistole geschossen: «19 Jahre lang». Seine Grossmutter hatte ihn einst bestellt. Da war er zwei Jahre alt. 19 Jahre später kam der Bescheid, dass er ihn abholen kann. Und sonst? Wer so lange auf ein Auto wartet, gibt es nicht gerne wieder her. Der Trabi lebt noch, mit ihm in Grenchen. Er hat auch alte Motorräder aus der ehemaligen DDR mit hierher genommen und restauriert.

Hier wird freundlich gegrüsst
Er erinnert sich noch gut an die ersten Wochen in Grenchen. «Erst einmal habe ich gestaunt», sagt er. Nicht unbedingt über die kleinstädtischen Verhältnisse. Magdeburg hat rund 330 000 Einwohner, Grenchen, gut 16 000. «Ich musste lernen, dass man sich hier freundlich grüsst. Auch die im Bus zusteigenden Gäste.» Das war neu für ihn. Die Deutschen seien eine Ellbogengesellschaft. «Da ist sich Jeder selbst der Nächste». Er staunte damals auch über die Sauberkeit in den Bussen. In Magdeburg, erinnert er sich zurück, lagen nach Dienstschluss ein paar zerquetschte Döner am Boden und Bierflaschen herum. «Hier in Grenchen vielleicht ab und an ein Busticket».

Seine Lieblingslinie: Die 21
Wenn das die Grenchner hören oder lesen würden, ist man fast geneigt zu sagen. Fürwahr. Die Grenchner Bevölkerung ist eben besser, als sie sich selber macht. Stephan Treichel jedenfalls schwört auf die Stadt. Er findet die Leute hier ganz nett. Mit Stammgästen im Bus unterhalte er sich auch mal während Wartezeiten. Er spüre aber schnell auch, wenn die Stimmung nicht so gut sei. «Dann wende ich mich ab und lass den mal in Ruhe». Als Buschauffeur lernt man Menschen kennen, und kann sie wahrscheinlich auch gut einschätzen. Er spürt im Moment, dass die Leute doch eher bedrückt sind. «Die Coronakrise geht bei niemandem spurlos vorbei».
Aber reden wir von schöneren Dingen. Zum Beispiel über sein Häuschen, das er zusammen mit seiner Frau in der Allmend gekauft hat. Mit den Nachbarn pflegt er ein freundschaftliches Verhältnis. Als Buschauffeur bietet sich natürlich nicht immer Gelegenheit, die freundschaftlichen Bande regelmässig zu pflegen. Normalerweise beginnt der Tag für ihn um 4 Uhr morgen. Im Depot an der Lebernstrasse checkt «seinen» Bus. Später noch gibt es einen kurzen Kaffee in der Kantine mit Arbeitskollegen. Dann geht es los in den gut achtstündigen Arbeitstag. Er hat eine Lieblingslinie, die 21: Gummenweg – Bahnhof Süd – Postplatz – Lingeriz. Warum? «Die Leute in diesen verschiedenen Gebieten sind bunt gemischt. Das macht auch Gespräche interessant.»

Gutes Gefühl
Der Dienstplan des Buschauffeurs, der diesen Job bald 30 Jahre ausübt, ist auf die Minute getaktet. Die Fahrgäste erwarten absolute Pünktlichkeit, auch im Berufsverkehr, schlechtem Wetter oder Stau. Da kann es schon mal passieren, dass ein Fahrgast ein «Mü» zu spät kommt und dann dem davonfahrenden Bus bzw. dem Chauffeur den Vogel zeigt. Stephan Treichel versucht solchen Situationen möglichst aus dem Weg zu gehen. Manchmal müsse man abwägen, ob und wie lange man zuwarten müsse. Sein Ziel ist, dass die Fahrgäste mit einem guten Gefühl aus dem Bus steigen und ihm vielleicht sogar ein. Lächeln schenken. «Dann habe ich alles richtig gemacht», schmunzelt er.

Kein Zurück in die Heimat
Ein Zurück in die Heimat gibt es für ihn und seine Frau nicht. Wenn sie in den Osten reisen, dann wegen Tochter und ihrem Enkel. Ansonsten würden sich eigentlich unserem Land und den Leuten einiges näher fühlen. Er ist nun elf Jahre in der Schweiz, hat die C-Bewilligung und wird dereinst den Schweizer Pass beantragen. «Ja ich weiss», unterbricht er den Satz  ungefragt, «man sagt ja: Du wirst nie ein Eidgenosse, höchstens ein Schweizer». Er liebt die Bergwelt. «Meine Frau und ich haben sogar das Wandern entdeckt». Ein Stück Heimat steht ja sozusagen im Haus – mit «seinem» Trabi und den alten Motorrädern aus der ehemaligen DDR.
Das wäre eigentlich ein schöner Schluss dieser Geschichte. Er findet das nicht, weil ihm etwas ganz besonders am Herzen liegt: «Wir bedanken uns bei den Schweizern, dass wir hier arbeiten und wohnen, und ja: auch Steuern bezahlen dürfen.»
Diesen Schluss der Geschichte nehmen wir doch gerne mit!