Grenchen
17.02.2021

Verena Stuber – eine Pionierin in der Frauenpolitik

Verena Stuber lebt heute zusammen mit ihrem Mann Kurt in einem umgebauten Bauernhaus in Lüterswil.

Verena Stuber lebt heute zusammen mit ihrem Mann Kurt in einem umgebauten Bauernhaus in Lüterswil.

Sie wäre vielleicht auch prädestiniert gewesen für einen Sitz im Nationalrat oder im Solothurner Regierungsrat? Wer weiss. Sicher ist: Will man die engagierte Grenchnerin Verena Stuber porträtieren, so führt kein Weg an der Politik vorbei. Als «zugewanderte» Ostschweizerin fand sich die ausgebildete Pädagogin in ihrer neuen Heimat schnell einmal in der Politik – spätestens ab 1971, als das Frauenstimmrecht hierzulande eingeführt wurde.

Von: Joseph Weibel

Ist das ein Traum! Wir stehen vor einem umgebauten Bauernhaus in Lüterswil, 584 Meter über Meer, mit ungetrübtem Blick auf den Jura. Verena Stuber kennt solche emotionalen Ausbrüche von Besuchern. Zusammen mit ihrem Mann Kurt wohnt sie seit 21 Jahren hier oben. Sie zeigt mit dem Finger Richtung Norden: «Da liegt Grenchen!» Da lebte die gebürtige St. Gallerin, die noch keine Silbe von ihrem ursprünglichen Dialekt abgerückt ist, noch einige Jahre länger als im beschaulichen Bucheggberger Dorf. Wenn ihre Gedanken um Grenchen schweifen, so schwebt ein bisschen Wehmut mit. Sie erinnert sich an eine sehr schöne Zeit, die sie in dieser Stadt erlebt hat. Einkäufe tätigt sie noch heute in Grenchen und besucht Bekannte. Einer der drei Söhne lebt mit seiner Familie in der Stadt.

Politik – eine wichtige Welt

Verena und Kurt Stuber bewohnen die Hälfte des umgebauten Bauernhofs. Ihr Mann, Bürger von Lüterswil, erbte mit seinen Geschwistern die baufällige Liegenschaft. Sie hätten sich damals entschlossen, das Haus zu übernehmen und umzubauen. Einer der Söhne hatte zu dieser Zeit sein Architekturstudium abgeschlossen und fand in dieser Liegenschaft ein erstes praktisches Übungsprojekt. Entstanden ist ein Bijou – eine Symbiose zwischen Tradition und Moderne. «Schliesslich hat der Denkmalschutz noch mitgeredet», schmunzelt Verena Stuber. Jedenfalls gefällt es ihnen hier oben. Sie und ihr Mann würden noch heute das Gemeindegeschehen aktiv verfolgen und begleiten – was so viel heisst, dass sie, wenn immer möglich, an Gemeindeversammlungen teilnehmen, an Wahlen und Abstimmungen sowieso. Im Moment hegen die beiden zusammengeschlossenen Gemeinden Lüterswil und Gächliwil eine Fusion mit dem Ort Buchegg oder Schnottwil. Wenn Verena Stuber über politische Gänge und Vorhaben spricht, leuchten ihre Augen. Das ist eine wichtige Welt für sie – noch heute.

Rechte und Pflichten wahrnehmen

Wir sprechen kurz über den Film «Die göttliche Ordnung» – ein reales Zeitdokument, das die Hürden des vor 50 Jahren eingeführten Frauenstimmrechts aufzeigte. Gehörte sie damals zu den Frauen, die für dieses Stimmrecht auf die Strasse gingen? «Es störte mich damals nicht, als nur die Männer in der Politik das Sagen hatten. Das war einfach so.» Spätestens als es anders geworden war, wurde Verena Stuber aktiv. Immer mit der Prämisse: «Wer seine Rechte wahr nehmen will, der muss auch die Pflichten sehen!» Was sie damit meint? Ganz einfach. Wer Ja sagt zur Politik, muss sie mittragen, nicht als begrenzte Laune, sondern mit nachhaltigem Engagement. Sie hat ihr Credo eindrücklich gelebt.

Sie war schnell heimisch

1960 kam sie als in St. Gallen patentierte Lehrerin nach Grenchen. Sie hatte sich auf eine Lehrerstelle gemeldet und wurde gewählt. So wie damals für Frauen üblich, wäre sie für eine erste/zweite Klasse vorgesehen gewesen. Ihre Vorgesetzten hatten Bedenken, dass die Kinder in diesem Alter wohl kaum ihren Ostschweizer Dialekt verstehen würden – Dritt- und Viertklässler hingegen schon. Also wurde ihr eine Stelle auf dieser Stufe zugeteilt. Verena Stuber wurde heimisch in Grenchen, verliebte sich in einen Bucheggberger, heiratete ihn und schenkte ihm drei Söhne. Die St. Gallerin Verena Stuber war längst zur Grenchnerin mutiert.

Karriere mit Pioniercharakter

Als dann das Frauenstimmrecht kam, war sie bereit für politische Arbeit. Als das Frauenstimmrecht Tatsache war, engagierte sie sich sogleich bei der örtlichen FDP und nahm die Arbeit in einer Kommission wahr. Nur zehn Jahre später, 1981, wurde sie als eine von vier Frauen und mit 26 Männern in den Grenchner Gemeinderat gewählt. Damit bahnte sich eine politische Karriere an, die in vielerlei Hinsicht Pioniercharakter haben sollte. 1984 wurde sie als erste und bisher einzige Frau in die Gemeinderatskommission (GRK) berufen. Ein Jahr später folgte die Wahl in den Kantonsrat und weitere zehn Jahre danach war sie die erste Grenchnerin, die das Kantonsratspräsidium übernahm. Das war die Zeit des Kantonalbank-Debakels und des Kampfs um die Gynäkologie im Spital Grenchen. Sie gehörte zu den engagierten Mitkämpferinnen für die so wichtige Abteilung. Ihre politische Stimme wurde immer gehört, manchmal auch erhört.

Die Violinistin

Es gab natürlich anderes als die Politik im Leben von Verena Stuber. Wenngleich sie dominierend war und viele Stunden in der Freizeit dafür geopfert wurden. Noch in den Anfängen in Grenchen klopfte ein gewisser Wilhelm Steinbeck, Musikschulleiter und Orchesterleiter, an ihrer Klassenzimmertüre. Sie spiele doch Violine, sagte er ihr, und müsse deshalb im Stadtorchester Einsitz nehmen. Das tat sie, und bereut es bis heute nicht. Eine Zeitlang spielte sie in einem Quartett. Sie war aktiv in der Spitex, in der Altersbetreuung, sogar im Zivilschutz war sie tätig, und in einigen anderen Organisationen. Und schon gleiten wir wieder in die Politik ab. Sie erinnert sich an die sehr aktive Zeit der Ortspartei. Damals habe es noch Quartierpräsidenten gegeben. In der Stadt betreute sie einen Monatsstamm der FDP-Frauen im «Löwen». Sie blättert immer wieder in Zeitungsartikeln von damals. Die habe sie aufbehalten und schaue immer mal wieder gerne hinein. In einem der Ausschnitte steht zum Beispiel, dass 1993 50 Frauen im 144-köpfigen Solothurner Kantonsrat Einsitz nehmen. «Das ist ein Anteil von 35 Prozent. Kein anderer Kanton konnte eine solche Quote aufweisen.» Verena Stuber lächelt. Sie gehörte damals auch dazu.

Es gibt noch eine andere Welt

In der «Göttlichen Ordnung», dem Spielfilm zum Frauenstimmrecht, war die Abneigung gegenüber Frauen in der Politik von Männerseite deutlich spürbar. Sie selber, sagt Verena Stuber, habe diese Abneigung während ihrer ganzen politischen Tätigkeit nie gespürt – vielmehr Akzeptanz, und Anerkennung für gute Arbeit. Sie muss man nicht fragen, ob sie noch einmal alles gleich machen würde. Sie hatte sich sogar einmal für den Nationalrat aufstellen lassen. Ohne Erfolg. Aber es sei ein guter Gradmesser gewesen für die Kantonsratswahlen.

Auch wenn es Verena Stuber zwischenzeitlich ruhiger nimmt, so bleibt ihr waches Auge auf dem Geschehen im Ort, im Kanton, natürlich in Grenchen und auf der ganzen Welt. Sie geniesst jeden Tag; sie freut sich auf ihre sieben Enkelkinder – zwei wohnen in Grenchen, die anderen in Olten und Zürich. Sie verbringt im Frühling bis Herbst gerne Zeit in ihrem Gemüsegarten hinter dem Haus. Süssmost wird ebenfalls selber gepresst. Im gegenüberliegenden «Stöckli» gibt es sogar noch einen Holzbackofen, wo früher die Frauen im Ort ihr Brot gebacken haben.

– Es ist wirklich sehr schön hier oben. Vor ihrer Zeit in Lüterswil haben die Stubers am Bachtelenrain gewohnt. Da sei es ebenso schön gewesen, sagt sie. Und hakt gleich nach: «Grenchen hat sehr schöne Wohnlagen. Das vergisst man gerne immer wieder.»

Sie ist halt doch eine richtige Grenchnerin!