Grenchen
03.07.2019

«Kochen ist ein wertvolles Kulturgut»

«Kinder ab an den Herd», heisst das Projekt, mit dem Starkoch Rolf Caviezel Kinder zum vermehrten Kochen animieren will. Und es klappt, wie der Kurs in der «Station 1» am Grenchner Marktplatz gezeigt hat. zvg)

«Kinder ab an den Herd», heisst das Projekt, mit dem Starkoch Rolf Caviezel Kinder zum vermehrten Kochen animieren will. Und es klappt, wie der Kurs in der «Station 1» am Grenchner Marktplatz gezeigt hat. zvg)

Der Kochunterricht verliert an den Schulen an Bedeutung, obwohl es für die Gesundheitsprävention oder das Sozialverhalten wichtig wäre, gemeinsam zu kochen und zu essen. Mit dem Projekt «Kids ab an den Herd» versucht der Starkoch Rolf Caviezel langfristig etwas Gegensteuer zu geben.

Stefan Kaiser

Ich habe das bei meinem 15-jährigen Sohn beobachtet: In den Schulen wird immer weniger gekocht», sagt der 46-jährige Rolf Caviezel und erinnert sich an seine Jugend: «Wir hatten an der Oberstufe noch einmal in der Woche richtig gekocht und gemeinsam gegessen.» Der mehrfach preisgekrönte Starkoch betreibt mit seiner Frau Célia in Grenchen seit 2010 das Restaurant Station 1 und hat sich besonders mit der experimentellen Molekularküche einen Namen gemacht. «Kochen und das Bewusstsein für eine gesunde Ernährung leisten wichtige Beiträge zur Gesundheitsprävention und beuge etwa Übergewicht vor», ist Caviezel überzeugt. Ausserdem steigere es die Sozialkompetenz. Und wenn beide Eltern arbeitstätig sind, werde auch zuhause weniger gekocht, weshalb es umso wichtiger sei, dass die Kinder auch in der Schule den richtigen Umgang mit Nahrungsmitteln lernen.

Die Öffentlichkeit sensibilisieren

Grenchens Gesamtschulleiter Hubert Bläsi bestätigt die abnehmende Bedeutung des Kochunterrichts: Waren es früher vier, wird in der achten Klasse heute noch in drei Lektionen Hauswirtschaft unterrichtet, in der neunten Klasse sind es noch zwei. «Die praktische Anwendung ist anfangs gering, und es werden theoretische Grundlagen der Nahrungszubereitung und der Hygiene im Haushalt allgemein vermittelt», erklärt Bläsi.

Rolf Caviezel reicht das nicht aus, weshalb er mit dem Projekt «Kids ab an den Herd» versucht, einerseits Kinder im Alter von etwa acht bis zwölf Jahren mit Kursen und Camps fürs Kochen zu animieren, und andererseits die Schulen und die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren. «Kochen ist ein wertvolles Kulturgut, das zu verschwinden droht», äussert sich Caviezel besorgt, und: «Im Kochberuf fehlt uns zunehmend der Nachwuchs, weil immer weniger Kinder eine Kochlehre machen.»

Es geht ganz banal ums Kochen

Die Grenchner Jugendkommission hat das Thema allerdings aufgenommen und Caviezels Projektanmeldung an die Lehrerschaft weitergeleitet. Und nach einem gelungenen Projektstart Mitte Juni am Oberstufenzentrum Buechenwald im St. Gallischen Gossau, laufen auch die Kurse in der «Station 1» am Marktplatz in Grenchen gut an. «Ich lege den Schwerpunkt ganz banal aufs Kochen», betont Caviezel. In der Praxis wolle er aber auch etwas Theorie vermitteln und frage die Kinder beispielsweise nach den Zutaten für Brotteig, bevor sie ihn zubereiten.

Letzte Woche zauberten die Kids dann kleine Hamburger mit selbstgemachtem Brot auf die Teller, dazu ein Salat mit Melonen und Sprinzwürfel sowie Schwingerhörnli und Erdbeersalat. Und zum Dessert kam noch etwas aus der Molekularküche dazu: ein mit flüssigem Stickstoff erzeugtes Eis aus Holundersirup. «Mir geht es nicht um Effekthascherei», schmunzelt Caviezel, «doch die Kinder sollen auch etwas Spass haben.»

Die nächsten Projekt-Stationen

«Ohne Partner geht es nicht», hält Rolf Caviezel fest und bedankt sich beispielsweise beim Gemüsebauern Gloor aus Staad, der Baloise Bank SoBa, der Treuhand miracola sowie der kantonalen Jugendförderung für ihre Unterstützung. Caviezel möchte das Projekt langfristig gestalten und hat bereits Interessenten in einer Firma im Seeland gefunden, die seinen Kurs anbieten will, sowie von einer Schule im Zürichbiet, wo «Kids ab an den Herd» nächstes Jahr Halt machen wird. «Die Thematik rund ums Kochen soll flächendeckender präsent werden, mit regelmässigen Veranstaltungen in möglichst allen grösseren Schweizer Städten», erklärt Rolf Caviezel sein Ziel, wobei ihm bereits namhafte Sponsoren helfen, das Projekt und die Freude am Kochen auch medial zu pushen.