Grenchen
01.10.2019

«Der Weg war lang und hart»

Damit habe er seinen Lehrmeister und auch sich selber schon ein wenig überrascht: Adem Beshir gehört zu den drei Jahrgangsbesten, die heuer im Kanton Solothurn ihre Lehre abgeschlossen haben.

Damit habe er seinen Lehrmeister und auch sich selber schon ein wenig überrascht: Adem Beshir gehört zu den drei Jahrgangsbesten, die heuer im Kanton Solothurn ihre Lehre abgeschlossen haben.

Mit viel Fleiss und grosser Disziplin hat der Eritreer Adem Beshir eine hervorragende Leistung vollbracht und als einer von drei die Bestnote an den diesjährigen Lehrabschlussprüfungen im Kanton Solothurn erreicht. Und welche Zukunftspläne hegt der Fleischfachassistent nun?

Stefan Kaiser (Text und bild)

Ich bin ein ruhiger Mensch», sagt Adem Beshir von sich selber und lacht, «deshalb merken die Leute oft lange nicht, dass ich eigentlich gut Deutsch spreche.» Gute Deutschkenntnisse zu erlangen war ihm auch sehr wichtig, als er vor fünf Jahren in die Schweiz kam. Darin sieht Adem Beshir auch einen wichtigen Schlüssel zu seinem beruflichen Erfolg. Diesen Sommer hat er im Fleischfachgeschäft Fischer AG in Langendorf seine zweijährige Lehre als Fleischfachassistent EBA absolviert – mit der Bestnote 5,8. Dafür wurde er Ende August an der Diplomfeier der Berufsbildung geehrt und erhielt im Rahmen der Auszeichnung «5,3+ Spitzenleistungen in der Berufslehre» des Kantonal-Solothurnischen Gewerbeverbands kgv gemeinsam mit zwei anderen Jahrgangsbesten ein Preisgeld von 1000 Franken.

«Das war eine gute Motivation für mich», hält der 31-Jährige fest, «und es ist sehr schön, dass der Kanton Solothurn seine guten Lehrabgänger derart ehrt.» Doch er bleibt bescheiden und wollte ursprünglich gar nicht an der Feier teilnehmen – bis ihn sein Lehrbetrieb dann in letzter Minute doch noch anmeldete.

Wo herrscht Lehrlingsmangel?

Adem Beshir ist Ende 2012 aus Eritrea geflüchtet und kam über den Sudan, wo er sich ein Jahr aufhielt, und Libyen, wo er drei Monate ausharrte, schliesslich auf einem Boot nach Europa und am 1. April 2014 in die Schweiz nach Grenchen. «Ich bin alleine hier», erklärt Adem, und er habe einen Bruder in Deutschland, mit dem er in Mail-Kontakt stehe, den er aber noch nicht besuchen konnte. – Und wie kam er auf die Idee einer Metzgerlehre? Nachdem er mehrere Deutschkurse bis zum Niveau A2 absolviert hatte, empfahl ihm seine Betreuerin den Beginn einer Lehre. Adem Beshir wusste allerdings um die Wichtigkeit guter Deutschkenntnisse, besuchte einen weiteren Kurs für Niveau B1 sowie einen Kurs bei der Regiomech in Zuchwil. Als er nun begann, sich für Lehrstellen zu bewerben, bekam er allerdings monatelang weder Zu- noch Absagen. «Da begann ich mich im Internet schlau zu machen, welche Lehren nicht so beliebt sind, und welche Berufe einen Lehrlingsmangel haben», verrät Adem Beshir. Seine Recherche ergab Logistiker und Fleischfachassistent, doch er sei dann doch sehr überrascht gewesen, wie schnell es gehen kann: Er verschickte zwei Bewerbungen, bekam sofort die Einladung für eine Schnupperwoche im Fleischfachgeschäft Fischer AG in Langendorf und erhielt dann auch prompt die Zusage für die Lehrstelle.

Mit «schweizerischen» Tugenden

Sein Betrieb habe ihn sehr gut unterstützt, damit er eine gute Lehre absolvieren könne, betont Adem Beshir. «Für die Lehrabschlussprüfung braucht es eine gute Planung und viel Erfahrung», führt er weiter aus. So habe er sich am Abend nach der Arbeit zuhause schriftliche Notizen gemacht und zusammengefasst, was er am Tag alles gelernt hatte. «Ich bin jeweils um vier Uhr früh aufgestanden, um für die Schule zu lernen», sagt Adem, denn am Morgen sei es ruhig und Körper und Geist seien dann besonders aufnahmefähig. «Ich war bereits in Eritrea der Klassenbeste», räumt er ein, «doch die Lehre war nicht einfach, weil ich eben auch noch Deutsch lernen musste.» Und am Ende waren er und sein Lehrmeister dann doch etwas von den hervorragenden Noten überrascht: Praktische Prüfung 5,8; Allgemeinbildung 5,5; Erfahrungsnote 6,0.

Die Zukunft beginnt erst

Adem Beshir konnte seine Familie in Eritrea über seine guten Noten unterrichten, «doch meine Mutter hätte mehr Freude gehabt, wenn ich wieder zurückkehre.» Sein Heimweh sei allerdings nicht mehr so stark wie in den ersten Jahren nach der Flucht, und er habe hier in Grenchen und am Arbeitsplatz viele gute Freunde gefunden. Das Fleischfachgeschäft Fischer hat Adem Beshir nach seiner Tob-Lehre weiter angestellt. «Ich mag meine Arbeit», hält er fest, «denn es ist auch schön, wenn man am Abend sieht, was man alles gemacht hat.» Und wie sehen seine Zukunftspläne aus? «Dieses Jahr arbeite ich normal, und wenn alles nach Plan geht, werde ich vielleicht noch die EFZ-Ausbildung machen.» Und welches Fleisch hat er am liebsten? «Ich mag gerne Lammfleisch, das ist typisch für Eritreer. Allerdings musste ich früher nie in der Küche helfen, also weiss ich wenig und koche leider auch selten.»