Grenchen
12.02.2020

Ein halbes Leben für die Theater-Bühne

Theater ist für sie Alltag – seit rund zwei Jahrzehnten: Pia Schild und Benj Obrecht.

Theater ist für sie Alltag – seit rund zwei Jahrzehnten: Pia Schild und Benj Obrecht.

Sie ist längst ein Stück Grenchner Kulturgut und überrascht immer wieder mit neuen Produktionen: die Grenchner Schopfbühne. Am 4. März 2020 feiert die Komödie «Du bisch nur zwei Mal jung» Premiere. In den Hauptrollen zwei langjährige Ensemblemitglieder, die ein Liebespaar spielen, und auch privat liiert sind.

Von: Joseph Weibel (Text und bild)

Brooksie hat seine Frau verloren und sucht wieder Halt im Leben. Er frönt seiner Motorradleidenschaft, kleidet sich wie einer von den Hells Angels – ganz unter dem Motto: born to be wild. Brooksie treibt es bunt, bisweilen zu bunt. Dabei möchte er sich noch einmal verlieben. Rose taucht auf in seinem Leben. Es kommt, wie es kommen muss: gut.

Theateralltag seit 20 Jahren

Gegenüber mir sitzen Brooksie und Rose. Ungeschminkt und im bürgerlichen Habitus. Brooksie heisst in der theaterlosen Zeit Benj Obrecht und ist pensioniert. Rose steht noch im Berufsleben und hört auf den Namen Pia Schild. Die beiden bestreiten gemeinsam rund 150 Probestunden, ehe dann am 4. März sich der Vorhang auf der Schopfbühne öffnet. Theater ist für Pia Schild und Benj Obrecht Alltag – seit rund zwei Jahrzehnten. Mehr als ein halbes Jahr verschreiben sie sich mindestens zwei Mal in der Woche der Bühne. Lernen ihre Texte auswendig, sprechen sie zum x-ten Mal nach und sobald das Stück in einem Durchlauf gespielt werden kann, so ist die Premiere nicht mehr fern. Wenn sie von den unzähligen Proben erzählen; von den unterschiedlichen Charakteren ihrer Regisseure, oder vom engen Zusammenhalt im Ensemble, dann leuchten ihre Augen. Auch nach gut 20 Jahren noch. Theater ist zu einem ganz wichtigen Teil ihres Lebens geworden.

Prädikat «Professionell» erlaubt

Die Schopfbühne feiert bald ihr 30-Jahr-Jubiläum. Ehe man in die zum Theater umgebauten Schopfbühne einziehen konnte, hiess die vor 27 Jahre gegründete Truppe mit Hobbyschauspielern Laienbühne. Zwischenzeitlich sind nicht nur die Bühne, die Bühnenbilder und das ganze Drumherum professioneller geworden, sondern auch die Schauspieler selbst. Sie verdienen zwar nach wie vor ihren Lebensunterhalt anders, aber wer so viel Zeit und Engagement ins Theater setzt, verdient auch mal das Prädikat «Professionell». Jahr für Jahr sind es rund 25 Aufführungen, die das in der Anzahl Akteure unterschiedlich stark besetzte Ensemble, auf die Bühne bringt. Von den 65 Plätzen in der Schopfbühne bleiben immer nur wenige unbesetzt. Die Auslastung liegt zwischen 94 und 97 Prozent. Zwischenzeitlich wird es auch auf der Website der Schopfbühne smarter. Tickets und der Lieblingsplatz können online gebucht werden. Dieser Hinweis ist wichtig, «weil», sagt Pia Schild, «dieses Jahr keine Zusatzvorstellungen vorgesehen sind».

Multifunktionelle Truppe

Multifunktionalität ist im Verein Schopfbühne Programm. Bei den 27 Mitgliedern gibt es das Wort «passiv» nicht. Wer Schopfbühne sagt, nimmt automatisch das Wort «aktiv» in den Mund. Der grösste Teil steht im Turnus auf der Bühne. «Wir haben unter uns zwei Schreinermeister im Bühnenbau, eine Profifotografin, eine Treuhänderin, eine Coiffeuse für die Frisuren und ein geschultes Team, das für die Maquillage zuständig ist. Auch die Techniker mit ihrem Equipment zaubern immer wieder Erstaunliches. Wenn ein Kostüm nicht passt, können wir innerhalb des Vereins auf professionelle Hilfe zählen. Pia Schild lacht: «Wir sind eigentlich alle mit einer kreativen Ader ausgestattet». Gebildet hat sich eine verschworene Truppe, die auch private Feste gemeinsam feiert. Nur eines fehlt der Schopfbühne – wie anderen Vereinen ebenso: der Nachwuchs. Benj Obrecht, zum Beispiel, meint, dass das wohl seine letzte grosse Rolle sein wird. Nächstes Jahr sitzt er unten, im Regiestuhl. Seine Hauptrolle im diesjährigen Stück setzt eine hohe Bühnenpräsenz voraus. «Es ist ein hartes Stück Arbeit.»

An der Premiere ein Blackout

Die ersten Proben und Wochen sind für alle Akteure ein hartes Stück Arbeit. Am ersten Abend liest jeder im Drehbuch, versucht sich in eine Rolle einzufühlen. Das letzte Wort hat der Regisseur; er teilt die Rollen gewöhnlich ein. Texte müssen auswendig gelernt werden. «Wenn man das Gefühl hat, jetzt geht’s, kommt die Probe auf der Bühne, und der Text ist Weg», moniert Obrecht. Er erinnert sich an seinen ersten Auftritt: «Ich stand oben und hatte ein Blackout». Solche Momente, meint Pia Schild, gibt es immer wieder, dann ist von den Bühnenpartnern Improvisation gefragt. Einmal während jeder Probezeit habe sie einen Traum, wie sie auf der Bühne steht, und kein Wort mehr aus dem Mund bringt, wirklich passiert ist es zum Glück noch nie. Benj Obrecht steht zum Lernen der Texte oft in den frühen Morgenstunden auf. Souffliert auf der Bühne wird schon, aber nur während den Proben. Zuständig sind die Regieassistentinnen Gitti Buser und Louise Culmone. «Sie haben aber auch die Gabe, uns immer wieder aufzumuntern und ab und an etwas in den Mund zu stecken. Ein Guetzli oder auch mal ein Gummibärchen», schmunzelt Pia Schild.

Disziplin und Durchhaltevermögen

Das Theaterspiel ist anspruchsvoll. Man muss in eine Rolle hineinwachsen und möglichst lebensecht auftreten, «und auch mal über sich hinauswachsen», ergänzt Benj Obrecht. Es braucht aber vor allem Disziplin und Durchhaltevermögen. Da kommt viel zusammen: vor allem stundenlange Probenarbeit und noch einmal während über zwei Monate Aufführungen. Das muss man wollen. Und wer soweit ist, der will es unbedingt. Vergangenes Jahr gab es noch einen Auftritt mehr – am 1. Volkstheater-Festival in Meiringen. 37 Bühnen haben sich angemeldet, acht wurden dann letztlich eingeladen. «Es war ein grosses Erlebnis vor 300 Zuschauer spielen zu dürfen». Pia Schild gewann sogar den Preis für die beste Hauptdarstellerin.

Und was verspricht das diesjährige Stück: «Es wird amüsant sein», verspricht sie. Und man wird sehen, wie sich Pia Schild und Benj Obrecht auch auf der Bühne noch einmal verlieben. Wie fühlt sich das an? Sie schaut ihren Benj aus dem wahren Leben an. «Gell, wir mussten das schon wieder ein bisschen üben...»

Schopfbühne 2020: «Du bisch nur zwei Mal jung», Komödie von Ron Aldridge. Regie: Dominique Saner. Premiere: 4. März 2020; Derniere: 3. Mai 2020. Tickets: www.schopfbuehne.ch

Das Ensemble 2020: Benj Obrecht (Brooksie), Lisa Schädeli (Sue), Lilian Jeannerat (Julia), Darryl Esposito (Richard), Robert Koch (Tom), Pia Schild (Rose), Jeannette Läderach (Grace).

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