Auch pflegende Angehörige sollen eine Auszeit haben

«Power Spitex» steht nicht nur für eine private Organisation von ambulanten Pflegedienstleistungen, sondern auch für die von dieser Power beseelten Frau, die dahintersteht. Gordana Schmid hat ihre private Spitex vor vier Jahren gegründet und strotzt förmlich vor Energie und Innovationskraft. Übermorgen Samstag stellt sie im Rahmen eines Tages der offenen Tür ihr neuestes Projekt vor: die Tagesstätte Uszyt.

Bald kann die Sicht auf die Alpen und die Stadt Grenchen ohne Baugerüste von den Tagesbewohnern der Seniorentagesstätte Uszyt uneingeschränkt genossen werden. Am Tag der offenen Tür kommenden Samstag werden Gordana Schmid (links) und ihre
Bald kann die Sicht auf die Alpen und die Stadt Grenchen ohne Baugerüste von den Tagesbewohnern der Seniorentagesstätte Uszyt uneingeschränkt genossen werden. Am Tag der offenen Tür kommenden Samstag werden Gordana Schmid (links) und ihre Stellvertreterin, die Pflegeverantwortliche Anja Glivar (dipl. Pflegefachfrau HF), ebenfalls durch die neu gestalteten Räumlichkeiten führen. Bild: Joseph Weibel

Bergstrasse 56, Grenchen. «Sie haben das Ziel erreicht. Das Ziel liegt rechts.» Das Navigationssystem irrt sich nicht. Rechts am Hang steht ein grosses, eingerüstetes Einfamilienhaus. Im Innern wird noch eifrig gearbeitet. Handwerker legen letzte Hand an. Am Samstag soll alles so weit sein, dass sich die Besucherinnen und Besucher am Tag der offenen Tür ein Bild von einer neuen Dienstleistung machen können, die es so noch nicht gibt.

Eine Auszeit – ab und zu

Den Impuls für die Idee hätten Angehörige von Pflegebedürftigen gegeben, die von der Power Spitex betreut werden. «Sie hätten gerne ab und zu eine Auszeit», erzählt Gordana Schmid. Und ja, wenn es nur ein Tag pro Woche wäre oder alle zwei Wochen. Wie auch immer. Eine Tagesstätte eben, die diesem Wunsch mit professioneller Betreuung voll und ganz gerecht würde. Gordana Schmid ist zielstrebig und hartnäckig. Wenn sie über ein Projekt nachdenkt, dauert es meist nicht lange und ein Konzept liegt auf dem Tisch.

So auch Ende Mai letzten Jahres. Ein Sinnieren über den Begriff Auszeit – oder «Uszyt» im Dialekt. Der Name für die Seniorentagesstätte war geboren. Was noch fehlte, war das Wichtigste: eine geeignete Liegenschaft. Mit Inseraten und in einschlägigen Foren suchte Gordana Schmid nach einer Immobilie. Bis Juni gab sie sich Zeit – und als sie schon fast resigniert hatte, fand sie die Liegenschaft an der Bergstrasse. Im August war der Kauf perfekt.

Warme und einladende Atmosphäre

In die Liegenschaft wurde seit längerer Zeit nicht mehr investiert. Die Powerfrau Schmid stand vor einer grossen Aufgabe. Rund 400000 Franken sind in die Liegenschaft geflossen, «und auch wenn das viel Geld ist, hat sich der Einsatz gelohnt», sagt sie. Das Haus ist bezugsbereit. Am 16. Oktober, gut eine Woche nach dem Tag der offenen Tür, will Power Spitex die Tagesstätte Uszyt offiziell in Betrieb nehmen. Maximal 15 Klientinnen und Klienten sowie Betreuerinnen und Betreuer können sich gleichzeitig in dem dreigeschossigen Gebäude bewegen. Die Wände und Decken der Räumlichkeiten wurden mit Feng-Shui-Farben versehen und vermitteln so eine einladende und warme Atmosphäre. Wer hier den Tag verbringt, soll und muss sich wohlfühlen. Im Obergeschoss befinden sich Ruheräume, im mittleren Bereich Küche und Aufenthaltsräume inklusive Wintergarten. Im Erdgeschoss befinden sich der Empfangsbereich und die Betreuungsräume.

Die Gartenumgebung ist noch nicht bereit, aber auch hier sind einige Projekte angedacht. Gemüse, Früchte und Kräuter sollen angepflanzt werden, und auch kleinere Tiere wie Hühner und Hasen sollen ums Haus Platz finden. Es soll eine Oase für Mensch, Tier und Natur werden. In der Küche wird es ein rein pflanzliches Angebot geben. «Keine Sorge», sagt Gordana Schmid, «auf den gewohnten Geschmack muss nicht verzichtet werden; traditionelle Gerichte wie Zürcher Geschnetzeltes oder Älplermagronen werden gekocht, halt einfach auf pflanzlicher Basis.» Ihre Begründung für die neue Kochart: Studien würden belegen, dass pflanzliche Ernährung die Krankheitswerte von Diabetes 2 oder Blutdruck reduzieren könne.

Hoffnung auf Investoren

Bei aller Freude weiss Gordana Schmid, dass die bisherigen Investitionskosten bereits höher waren als geplant. Und es werden wohl noch weitere Kosten anfallen. Sie denkt laut darüber nach, ob ein solch zukunftsweisendes Projekt für Investoren interessant sein könnte. Die Bergstrasse sei ein Anfang, vielleicht ­ergäben sich weitere Möglichkeiten. An Nachfrage dürfte es kaum mangeln, denn seit Corona wächst das Bedürfnis der Menschen, so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden zu leben. Ambulante Pflegedienste werden daher immer wichtiger. Eine Tagesstruktur für Pflegebedürftige ermöglicht Angehörigen und Pflegenden eine Auszeit. Und eine Nachtstruktur? Auch daran hat Gordana Schmid gedacht. Die Liegenschaft an der Bergstrasse wäre dafür geeignet und könnte acht Personen eine Nachtstruktur bieten. Doch dafür hat sie (noch) keine Bewilligung vom Kanton. Gordana Schmid wird sicher noch einmal vorstellig werden.