Da sein, wenn Zeit am wertvollsten ist

Eine unheilbare Krankheit bedeutet nicht zwangsläufig, dass das Leben bald endet. Oft bleiben noch Monate oder sogar Jahre – eine Zeit, in der nicht die Krankheit, sondern die Lebensqualität im Mittelpunkt stehen sollte. Der Verein palliativeCare Bettlach und Umgebung begleitet Menschen auf diesem Weg.

Bertha Heiri (links) und Brigitte Stach sind die treibenden Kräfte von palliativeCare Bettlach und Umgebung. Bild: Joseph Weibel
Bertha Heiri (links) und Brigitte Stach sind die treibenden Kräfte von palliativeCare Bettlach und Umgebung. Bild: Joseph Weibel

Diese Arbeit braucht Erklärung. Das wissen Vereinspräsidentin Brigitte Stach und Vizepräsidentin Bertha Heiri. Schliesslich verfügt die Schweiz über ein dichtes soziales Netz mit Organisationen wie der Spitex, Tagesstätten sowie Pflege- und Altersheimen.

Gleichzeitig wünschen sich immer mehr Menschen, ihren letzten Lebensabschnitt zu Hause zu verbringen – statt in der Anonymität eines Spitals oder eines Pflegeheims. Das verlangt Angehörigen viel ab und stellt Alleinstehende oft vor noch grössere Herausforderungen. Brigitte Stach und Bertha Heiri nicken zustimmend. Genau hier setzt palliativeCare an.

Hemmschwellen sind da

Mit diesem Gedanken wurde der Verein Mitte 2012 in Bettlach gegründet und neun Jahre später auf die Stadt Grenchen und Umgebung ausgeweitet. Er deckt ein grosses Bedürfnis ab – und doch könnten noch weit mehr Menschen von diesem kostenlosen und unverbindlichen Angebot profitieren. Viele Betroffene haben jedoch Hemmungen oder Angst, anderen zur Last zu fallen. «Unser Angebot kennt man mittlerweile», sagt Brigitte Stach, «aber es wird nicht immer richtig verstanden.»

Die beiden engagierten Frauen, die selbst Betreuungsaufgaben übernehmen, erklären: Es geht nicht nur um die Linderung körperlicher Beschwerden, sondern ebenso um das seelische Wohlbefinden, das soziale Umfeld und spirituelle Bedürfnisse. Auf diesen vier Säulen basiert die Arbeit des Vereins. Entsprechend breit ist auch der Vorstand aufgestellt. Brigitte Stach und Bertha Heiri stammen aus dem medizinischen Bereich bzw. aus der Pflege. Bis vor wenigen Monaten war der Bettlacher Hausarzt Jean-Pierre Summ medizinischer Beirat; nach seiner Pensionierung hat die in Grenchen praktizierende Ärztin Susanne Nolte diese Aufgabe übernommen. Die beiden Landeskirchen sind durch Stephan Hagenow (ev.-ref.) und Gudula Metzel (röm.-kath.) vertreten. Nach deren Pensionierung im Herbst wird Thomas Wehrli als Pastoralraumleiter Einsitz im Vorstand nehmen. Auch die Spitex Bettlach und die Spitex Grenchen sind je durch ein Mitglied vertreten.

Zehn Freiwillige sind unterwegs

Zurzeit engagieren sich zehn Freiwillige im Einsatzgebiet. Es sind ausschliesslich Frauen mit einem Pflegehintergrund. «Sie möchten auch im Ruhestand in einem überschaubaren Rahmen weiter tätig sein», sagt Bertha Heiri. Menschen also, die ohne finanzielle Interessen Zeit, Zuwendung und Kraft schenken. Sie begleiten Betroffene im Alltag, beim Spazieren, lesen vor oder schenken einfach ein offenes Ohr. Oft sind es gerade die kleinen Dinge, die Betroffene oder Angehörige nicht mehr alleine bewältigen können. «Wir wollen die Angehörigen entlasten und ihnen während unserer Einsätze eine Auszeit, z. B. zum Kaffetrinken oder Coiffeurbesuch, ermöglichen.»

In der Sterbephase übernehmen die Freiwilligen auch Sitzwachen – tagsüber oder während der Nacht. «Das sind intensive Momente, die allen Beteiligten viel Kraft abverlangen», sagt Brigitte Stach.

Die Arbeit von palliativeCare ergänzt bestehende Angebote wie die der Spitex oder von Tagesstätten. Obwohl die Freiwilligen aufgrund ihrer Ausbildung vieles leisten könnten, gehören Grund- und Behandlungspflege ausdrücklich nicht zu ihren Aufgaben. «Das ist Sache der Spitex», betont Brigitte Stach. Unterstützung bieten sie jedoch, sofern gewünscht, bei alltäglichen Verrichtungen wie An- und Auskleiden, Ein- oder Umbetten oder Vor-Ort-Sein, wenn jemand nicht mehr allein gelassen werden kann.

Das Alter ist ein Kostenfaktor

Die Einsätze beschränken sich nicht auf Privathaushalte. Bei Bedarf begleiten die Freiwilligen auch Bewohnerinnen und Bewohner von Altersheimen. Dort leben zunehmend Menschen ohne oder mit kaum noch vorhandenen Angehörigen. Dann wird Zeit zum wichtigsten Geschenk: Die Freiwilligen leisten Gesellschaft, hören zu und sind Gesprächspartner. «Wenn solche Unterstützung nötig ist, erhalten wir in der Regel eine Meldung des Altersheims», erklärt Bertha Heiri. Auch mit der Spitex arbeitet der Verein eng zusammen und wird beigezogen, wenn eine umfassendere Begleitung sinnvoll ist.

Brigitte Stach spricht einen Aspekt an, der oft verdrängt wird: «Das Alter ist zu einem herausfordernden Kostenfaktor geworden.» Viele gehen fälschlicherweise davon aus, dass sämtliche Unterstützung über das Gesundheitssystem abgedeckt ist. Tatsächlich geraten Menschen am Lebensende häufig auch finanziell an ihre Grenzen.

Wertvolle und unentgeltliche Arbeit

Umso wichtiger ist die unentgeltliche Arbeit von palliativeCare. Die Freiwilligen erhalten ausser einer bescheidenen Fahrspesenentschädigung keine Vergütung. Im vergangenen Jahr belief sich der Ertrag auf gut 17 000 Franken. Da der Aufwand etwas tiefer lag, konnten Reserven für finanziell schwierigere Jahre gebildet werden.

«Mit verschiedenen Auftritten – etwa erstmals am Grenchner Info-Markt – wollen wir unsere Präsenz weiter stärken», sagen die beiden Frauen. Oft genüge schon ein Gespräch auf der Strasse, um Ängste abzubauen und Hemmschwellen zu überwinden. Und sie sind überzeugt: Sollte der Bedarf wachsen, würden sich auch weitere Freiwillige finden. «Das wäre dann fast schon ein Luxusproblem», sagt Brigitte Stach schmunzelnd – und fügt an: «Bei den Freiwilligen sind natürlich auch Männer herzlich willkommen.»

Verein palliativeCare

palliativeCare Bettlach und Umgebung wurde 2012 in Bettlach gegründet und 2021 der Aktionskreis mit der Stadt Grenchen und Umgebung erweitert. Kurz gesagt, bietet der Verein unentgeltlich Begleitung, Betreuung, Unterstützung und Entlastung, wenn unheilbar Kranke ihren letzten Lebensabschnitt zu Hause verbringen möchten. Die Arbeit von palliativeCare sorgt auch für eine spürbare Entlastung von Angehörigen.

Dieses Jahr unterstützt der Verein einen Letzte-Hilfe-Kurs am 7. November in Grenchen finanziell. Der Kurs vermittelt ein Basiswissen rund um das Thema Sterben und ist für alle Teilnehmer kostenlos. Das Angebot findet sich unter: www.palliative-so.ch.

Der Verein finanziert sich mit Mitgliederbeiträgen und Spenden. Auch Nichtbetroffene können Mitglied werden: Einzelpersonen und Paare bezahlen 50 Franken, Institutionen 150 Franken.

Konto: IBAN CH86 8097 6000 0042 0529 1

Informationen

Bettlach: info@palliativecare-bettlach.ch

Grenchen: lena.dick@spitex-grenchen.ch

Umgebung: info@palliativecare-bettlach-umgebung.ch

www.palliativecare-bettlach-umgebung.ch