«Du gehst irgendwie gestärkt aus der Situation!»
Auf ein Wort mit ... Adriana Palermo Amacker, Grenchnerin, Touristikerin Die GSA-Serie

Wie geht es dir? Eine dieser schrecklichen Floskel-Fragen, die wir einander bei jeder Begegnung fast automatisch stellen. Die Antwort scheint dabei gleich mitgeliefert: «Gut.» «Danke, gut.» Oder vielleicht: «Es geht.»
Auch Adriana Palermo Amacker kennt diese Muss-Frage. Doch seit jenem schicksalhaften Tag im vergangenen Jahr geht sie sorgsamer damit um. Denn manchmal verändert eine einzige Diagnose den Blick auf solche alltäglichen Worte für immer.
Ganz locker war sie damals zu ihrer ersten Mammografie gegangen. Eine reine Routineuntersuchung, nichts weiter. Dachte sie. Dann kam die Diagnose: Brustkrebs.
«In einem Moment zieht es dir den Boden unter den Füssen weg. Ich? Krebs?» Adriana Palermo trug immer langes, dichtes, leicht gelocktes Haar. Heute ist es seit den Chemotherapien wieder kräftig und lockig am Nachwachsen.
«Es ist nicht nur dieser temporäre Haarverlust oder der veränderte Körper, der sehr viel mitmachen muss. Nein. Es ist vielmehr diese Berg-und-Tal-Fahrt der Gefühle.» Auf der einen Seite die klare Hoffnung: Es kommt gut. Auf der anderen Seite der Zweifel: Was, wenn es nicht gut kommt?
Wir sitzen auf der Veranda der frisch sanierten Fabrikantenvilla, dem Däster-Schild-Haus an der Rainstrasse. Hier arbeitet Adriana Palermo und führt die Geschäftsstelle von Jurasonnenseite. Am 1. Oktober 2026 hat sich ihr Eintritt als Geschäftsführerin zum fünften Mal gejährt. Fünf Jahre – eine kleine Zahl, die für Adriana Palermo offenbar doch etwas Besonderes bedeutet. Sie strahlt ihr unverkennbares, fröhliches Lachen aus. «Ich habe Jubiläum», sagt sie, fast so, als würde sie es gerade selbst erst richtig realisieren.
In ihrem bisherigen Berufsleben sei sie noch nie länger als fünf Jahre am selben Ort tätig gewesen. «Heisst?» – «Nein, nein», sagt sie, schüttelt den Kopf und winkt lachend ab. «Ich will noch ein paar Projekte realisieren.»
Und das gilt längst nicht nur für ihren Arbeitsplatz. Auch mit «ihrer» Stadt ist Adriana Palermo fest verbunden. Grenchen hat sie gepackt – und zwar richtig. Da braucht es keine grosse Überzeugungsarbeit, wenn es um die Frage geht, ob ihr die Hightech-Stadt im Grünen gefällt. Vielmehr spürt man schnell: Sie möchte etwas zurückgeben. Sie will dazu beitragen, dass nicht nur die Menschen, die hier leben, über ihre Stadt reden – vielleicht sogar schwärmen –, sondern dass auch jene, die von aussen kommen, Grenchen neu entdecken.
Das gibt uns die Möglichkeit, Adriana Palermos Vita etwas genauer zu betrachten. Sie ist eine klassische Seconda, aufgewachsen in Grenchen – in einfachen, aber glücklichen Verhältnissen, gemeinsam mit ihren Eltern und zwei Geschwistern. «Wir wohnten im Eichholzgebiet», erzählt sie. Der Vater arbeitete auf dem Bau, die Mutter leistete Heimarbeit. Ihre Schulzeit begann im Eichholzschulhaus mit der Primarschule, später besuchte sie im Zentrum die Bezirksschule. Wenn sie von ihrer Kindheit erzählt, bleibt sie allerdings nicht bei den Schuljahren hängen. Es ist der Kindergarten, der ihr besonders in Erinnerung geblieben ist – und der sie auf eine Weise prägte, die ihr erst später richtig bewusst wurde.
Dort entwickelten sich Freundschaften mit Schweizer Mädchen. Erstmals kam sie richtig mit der deutschen Sprache und der Schweizer Kultur in Berührung. Zu Hause wurde Italienisch gesprochen. Mit einer damaligen Kindergartenfreundin ist Adriana Palermo bis heute sehr eng befreundet. Sprachen wurden zu ihrem Steckenpferd und im Nachhinein betrachtet zu einem wichtigen Begleiter auf ihren vielen Reisen. Heute spricht sie fünf Sprachen.
Nach der Schulzeit begann sie eine KV-Lehre bei der Stadtverwaltung. Dort lernte sie den Lernenden Beat Amacker kennen, ihren späteren Mann.
Nach der Lehrzeit, sie war noch keine 20, zog es sie für 13 Monate als Au‑pair zu einer Familie nach Vancouver an die Westküste Kanadas. Sie vertiefte ihre Englischkenntnisse – und hält bis heute Kontakt mit der Familie. Ihr damaliger Freund und heutiger Mann holte sie in Vancouver ab. Die beiden entdeckten dabei nicht nur ihre Verbundenheit, sondern auch ihre gemeinsame Leidenschaft fürs Reisen. Mittlerweile haben sie 51 Länder bereist.
Die Stadt blieb noch ein halbes Jahr ihre Arbeitgeberin, dann schaltete Adriana Palermo einen Gang höher. Sie bildete sich weiter, unter anderem zur Marketingplanerin und später zur PR-Fachfrau. Beruflich führte ihr Weg zu Rado ins Sponsoring, danach zu Ascom Solothurn in Marketing und PR. Die Internationalität dieser Welt reizte sie besonders. Es folgte ein zweimonatiges Time‑out in Mexiko, um Spanisch zu lernen.
Bei der Post lancierte sie ihre erste schweizweite Werbekampagne mit grossem Budget für Webstamp, eine Innovation, die seither das digitale Frankieren von Briefpost ermöglicht. Danach zog es sie in die Transport- und Logistikbranche, wo sie das Produkt doch nicht so spannend fand. Bei der Hirslanden Klinik Bern faszinierte sie das Marketing im Gesundheitswesen.
Es folgte eine Ausbildung zur zertifizierten Hochzeitsplanerin, die sie anschliessend freiberuflich erfolgreich umsetzte. «Das war eine sehr schöne Zeit», sagt sie rückblickend. Später entschied sie sich wieder für eine Festanstellung und wechselte ans Bürgerspital Solothurn. Dort begleitete sie 2016 marketingmässig den Aufbau des Solothurner Brustzentrums. Sie hält kurz inne und blickt mich an. «Ist fast wie Ironie des Schicksals.»
Und schon sind wir wieder mittendrin in jenem Thema, das sie seit Frühling vor einem Jahr beschäftigt. Sie erinnert sich noch gut. «Wir waren sieben Wochen auf Reisen, kamen zurück und auf einer Wanderung brach ich mir das Sprunggelenk dreifach.» Es war ein Vorbote für eine physische und psychische Einkehr in eine ihr bisher unbekannte Welt.
Krebs verdrängt fast jeder. Jährlich erkranken in der Schweiz rund 6500 Frauen an Brustkrebs. «Es gibt verschiedene Formen, und es trifft fast alle Altersgruppen.» Sie hatte viel Zeit, über die Krankheit und ihre Auswirkungen nachzudenken – und informierte sich intensiv. Während der Therapie, ob es ihr besser oder schlechter ging, versteckte sie sich nie. «Man denkt viel über sich und die Krankheit nach.» Begeistert erzählt sie vom Rückhalt durch Patientinnen und Pflegepersonal. «Das ist wie eine grosse Community. Man bestärkt sich gegenseitig.» Gleichzeitig sehe man auch schwere Schicksale: junge Frauen mit ihren Kindern oder Menschen mit nur noch begrenztem Lebenshorizont. «Du gehst irgendwie gestärkt aus der Situation. Das tönt vielleicht seltsam. Das ist aber so.»
Und wie reagierte ihr Mann auf die Diagnose? «Er unterstützte mich sehr, war von der ersten Besprechung mit der Chirurgin oder Onkologin dabei. Er wollte aus erster Hand wissen, welche Behandlungswege eingegangen wurden und wie er mich begleiten konnte.»
In gut einer Woche, am Samstag, 24. Oktober, findet von 10 bis 12 Uhr auf dem Kreuzackerplatz in Solothurn der zweite Schleifenlauf statt. Die Benefizveranstaltung des Brustzentrums des Bürgerspitals und der Krebsliga fällt bewusst in den Brustkrebsmonat Oktober. Willkommen sind Läufer, Nordic Walker und Wanderer. Jede Runde bringt einen Spendenbetrag zugunsten der Sport-Krebsgruppen «Pink in Bewegung». Während sie für den Anlass wirbt, spürt man: Das Feuer in ihr ist längst wieder entfacht. Es war ihr wichtig, das diese Serie «Auf ein Wort» über ihre Person im Brustkrebsmonat erscheint.
Fast hätten wir es vergessen: Was macht die Berufs-Grenchnerin eigentlich ausser arbeiten und reisen? Sie war unter anderem für Marketing und Sponsoring der Freilichtspiele von Iris Minder verantwortlich. Zudem ist sie seit 24 Jahren Mitglied der Wiiiberzunft und begleitete marketingmässig die Internationalen Musikfestwochen.
Und seit fünf Jahren «verkauft» sie Grenchen als tolle Stadt, die man besuchen darf. Auch wenn abends vielleicht nicht mehr so viel läuft wie früher, als sie als junge Frau in Grenchen unterwegs war, ist sie nach wie vor überzeugt von ihrer Stadt. «Mehr denn je», hakt sie fast kämpferisch nach. «Ich glaube an Grenchen und an die Region Jurasonnenseite!