Edith Schnider: die Kioskfrau von Grenchen
Schon als Kind zog Edith Schnider dieser kleine Kiosk am Grenchner Marktplatz magisch an. Wer hätte damals gedacht, dass sie viele Jahre später selbst hinter der Verkaufstheke stehen würde? Nach Stationen in verschiedenen Kiosken der Region übernahm sie vor 13 Jahren genau diesen Ort – und machte sich damit als Unternehmerin selbstständig. Heute sagt sie mit Überzeugung: «Ich möchte keinen anderen Beruf.»
Es ist, als wäre es gestern gewesen. Frau Krummenacher oder Frau Wider standen hinter dem kleinen Bahnhofskiosk im Dorf – und sie wussten genau, was ich wollte. Mal einen Bazooka, eine Glace oder später eine Packung Zigaretten, die, wie ich den beiden Damen treuherzig versicherte, natürlich für den Vater bestimmt waren. Mit hochrotem Kopf kaufte ich irgendwann mein erstes «Bravo». Das Magazin «Schlüsselloch», ein paar Jahre später, war unter uns Backfischen eine Mutprobe. Der Kiosk ist mehr als ein Verkaufsstand. Er ist ein Stück Kindheit, Treffpunkt und Abenteuer zugleich.
Was wäre wohl ihre Handbewegung beim heiteren Beruferaten von Robert Lembke im deutschen Fernsehen gewesen? Der Griff nach einer Packung Zigaretten an der imaginären Wand hinter ihr. Nicht unwahrscheinlich. Auch wenn das Rauchen generell madig gemacht wird, ist es nach wie vor der Verkaufsrenner am Kiosk – E-Zigaretten natürlich eingerechnet.
Die Kundschaft hält ihr die Treue
Edith Schnider strahlt über das ganze Gesicht. Man spürt: Sie mag ihren Beruf. Wir sitzen im Gartencafé, während Edith Schnider mal nach links, mal nach rechts winkt. Man kennt die Kioskfrau vom Grenchner Marktplatz. Sie schwärmt von ihrer Klientel. «Es sind viele treue Kunden, jüngere und ältere. Sie alle halten mir die Treue.» Weil sie kein Pflichtsortiment führen muss, kann sie ihren Kundinnen und Kunden fast jeden Wunsch erfüllen. Was nicht vor oder hinter diesen zehn Quadratmetern zu finden ist, kann sie bei ihrem Hauptlieferanten Webstar in Bern bestellen oder organisiert es auf eigene Faust. Und wer sicher sein will, dass «sein» Magazin am gewünschten Tag bereitliegt, lässt es bei Edith Schnider reservieren. So einfach geht das.
Beruflich stiess Edith Schnider bis vor 13 Jahren auch auf einige Hürden. Schon nach der Lehre wusste sie, dass ihr manuelle Arbeit am besten liegt. Sie arbeitete zunächst an einer Tankstelle mit Shop. «Es war noch nicht das, was ich mir vorgestellt habe. Aber es war ein guter Einstieg», erinnert sie sich an ihren ersten «richtigen» Job Anfang der Neunzigerjahre.
Ein Schicksalsschlag wird zur Chance
Drei Jahre später kam sie ihrem Wunsch näher, als sie am Grenchner Südbahnhof in einem Verkaufscontainer erstmals Kioskluft schnupperte. Wiederum drei Jahre später entstand in einem neuen Gebäude am Bahnhof ein grösseres Verkaufslokal namens «avec». Weil die junge Frau, die ihre ersten sieben Kinderjahre in Grenchen verbrachte, gute Arbeit leistete, wurde sie als Filialleiterin angestellt. «avec» war Teil der heutigen Valora-Holding, die schweizweit rund 2800 Verkaufsstellen betreibt. Nach 14 Jahren wurde ihr gekündigt, wie auch etlichen anderen Filialleitenden. Im vermeintlichen Schicksalsschlag erkannte sie nach einem Jahr in der Coop-Pronto-Filiale in Bellach die Chance, sich selbstständig zu machen.
«Manta», der legendäre Betreiber des Kiosks am Grenchner Marktplatz, zog sich nach 20 Jahren zurück. Edith Schnider übernahm. 2013 eröffnete sie ihren ersten eigenen Kiosk – ganz ohne «Schutzpatron» in Form eines Grosskonzerns, der Kioske mit einem Pflichtsortiment beliefert. Weitherum sei sie wohl der kleinste Kiosk, sagt sie. «Einzig in Bern am Zytglogge-Platz gibt es noch zwei kleinere.»
So stellt man sich einen Kiosk vor
«Wie ist das möglich?», denkt sich der Betrachter dieser zehn Quadratmeter. Jeder Zentimeter ist belegt. Und doch herrscht keine Unordnung. Im Gegenteil. Viele hundert Artikel allein im vorderen Verkaufsteil sind fein säuberlich aneinander- und übereinandergereiht. Im Aussenbereich liegen lokale, regionale und nationale Zeitungen, Magazine in alle Richtungen und Heimatromane. Ja, auch die gibt es hier. Sonnenbrillen, Lesebrillen, Glacen, gekühlte Getränke und Naschwaren kommen dazu. Unübersehbar sind die Spielscheine für Lotto, Toto, Euromillions und Glückslose. Neben dem Verkaufsrenner Nummer eins, dem Tabak, sind die Glücksspiele die Nummer zwei. «Wenn die Jackpots gefüllt sind, dann geht es rund», schmunzelt Edith Schnider.
Die Menschen kommen aber nicht nur, um bei ihr oder den vier Teilzeitmitarbeitenden etwas zu kaufen. Sie schauen auch einfach mal für ein Schwätzchen vorbei. «Das ist enorm wichtig für mich. Dieser ständige Kontakt macht die Arbeit doppelt schön.» Im Schnitt steht sie selbst 70 bis 80 Prozent ihrer Arbeitszeit an der Verkaufstheke. Zu Hause wartet der Bürokram – und macht aus ihrem Teilpensum eine Vollzeitstelle.
Einiges hat sich in den vergangenen 13 Jahren verändert. Tabak ist immer teurer geworden. Als die Packung Zigaretten 8 Franken kostete, habe es einen kleinen Aufstand gegeben. Heute ist der Tabak noch teurer. «Dreimal jährlich kommen Aufschläge», moniert die 52-Jährige. An der ohnehin schmalen Marge sei das allerdings nicht spürbar. Umso wichtiger ist ihr die Kunden-treue, die sie immer wieder betont. Bei ihr schauen alle sozialen Schichten vorbei. Sie hat viele Geschichten gehört, die sie in ihrem Herzen behält.
Im Lager braucht es Massarbeit
Auch der bargeldlose Zahlungsverkehr hat Einzug gehalten. 2013 hätten zehn von hundert Kunden mit Karte bezahlt. «Heute ist es umgekehrt.» Damit fallen die nach wie vor sehr hohen Kartengebühren natürlich stärker ins Gewicht.
Jeden Abend um 18.30 Uhr, am Samstag um 16 Uhr, wenn der Kiosk schliesst, rollt sie oder eine ihrer Mitarbeitenden den Lottoständer, die Glacetruhe und die gekühlten Getränke in ein separates Lager in der Liegenschaft. Ihr Hauptlager befindet sich in der hinteren Nische des Kiosks. Was hier bis unter die Decke geordnet aufgereiht ist, ist Massarbeit.
Edith Schnider hat auch ein Privatleben. Sie lebt mit ihrem Mann in einem Einfamilienhaus in Arch. Er hat zwei Kinder in die Ehe gebracht. «Enkelkinder sind auch schon da», schmunzelt sie. Sie hält Haus und Garten in Schwung. Mit dem Mazda MX-5 sind die beiden gerne mit dem Mazda Club unterwegs. Zuletzt waren sie in Dänemark, Schweden und Österreich. Dann zieht es sie schnell wieder in «ihren» Kiosk, in den noch nie eingebrochen wurde. Vielleicht auch, weil hier im Zentrum alle achtsam seien, sagt sie.
13 Jahre habe sie noch vor sich, sagt Edith Schnider lachend. Und dann ist Schluss? Sie schaut kurz nach oben. «Mal sehen. Vielleicht habe ich weiter Lust, an der Kiosktheke zu stehen.»
Der Kiosk hat sechs Tage in der Woche geöffnet: von 6 bis 18.30 Uhr, am Samstag bis 16 Uhr.



