Grenchen ist eine Stadt mit Badetradition

Das Schwimmbad Grenchen feiert dieses Jahr sein 70‑Jahr-Jubiläum. Doch die Stadt war schon lange zuvor als «Bäderstadt» bekannt. Der Ausdruck «Granges-les-Bains» ist keine blosse Floskel, sondern geht auf das mineralhaltige Quellwasser im Bachtelen zurück. Bereits die Römer sollen dessen Heilkraft gekannt und genutzt haben.

Anfang Juni fand die offizielle 70‑Jahr-Feier des Grenchner Gartenbads statt.Bilder: zvg

Anfang Juni fand die offizielle 70‑Jahr-Feier des Grenchner Gartenbads statt.Bilder: zvg

Chefbademeister Alexey Litvynov freut sich über den guten Erfolg beim Malwettbewerb anlässlich des 70‑Jahr-Jubiläums des Grenchner Gartenbads.

Chefbademeister Alexey Litvynov freut sich über den guten Erfolg beim Malwettbewerb anlässlich des 70‑Jahr-Jubiläums des Grenchner Gartenbads.

Heute ist Grenchen vor allem als Uhrenstadt und industrieller Hotspot bekannt. Doch lange bevor Hightechunternehmen und die Uhrenindustrie das Stadtbild prägten, entwickelte sich neben der Landwirtschaft dank des Heilwassers ein zweites wirtschaftliches Standbein. Das traditionsreiche Bachtelenbad im Bachtelentälchen wurde von der Familie Girard erfolgreich geführt. Die Geschichte dieser einst bedeutenden Kuranlage ist auf wiki.stadtgeschichte-grenchen.ch ausführlich dokumentiert.

In den besten Zeiten verkehrten täglich mehrere Pferde-Omnibusse zwischen Solothurn und dem Bachtelenbad, um die zahlreichen Gäste zu befördern. Besonders beliebt waren die russischen Dampfbäder – Vorläufer heutiger Wellnessangebote. Internationale Bekanntheit erlangte das Bad, als der italienische Freiheitskämpfer Giuseppe Mazzini bei der Familie Girard Asyl fand. Fortan wurde das Bachtelenbad zu einem Treffpunkt politischer Exilanten und Reformbewegter aus ganz Europa.

Wie Grenchen zum «les-Bains» kam

Den Beinamen «Granges-les-Bains» verdankte Grenchen auch der Eröffnung des Restaurants Bad an der heutigen Bahnhofstrasse im Jahr 1866. Die imposante Anlage verfügte über acht Wohnungen, zwei grosse Speise- und Tanzsäle, eine Trink- und Bierhalle, eine Badeanstalt, Stallungen für Pferde und Wagen, Unterkünfte für Knechte und Mägde sowie zwei Kegelbahnen.

Der Wunsch nach einer öffentlichen Badeanstalt blieb auch in den folgenden Jahrzehnten ungebrochen. Im Brühl entstand die erste Badeanlage. Den entscheidenden Anstoss für das heutige Gartenschwimmbad gab jedoch die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als sich das Freizeitverhalten der Bevölkerung grundlegend veränderte. Zu einer modernen Stadt gehörte nun auch ein Schwimmbad.

Drei Anläufe

Bis dahin brauchte es allerdings drei Anläufe und ebenso viele Schwimmbadkommissionen. Erst im November 1953 konnten auf dem heutigen Gelände die Aushubarbeiten beginnen. Die von Béda Hefti entworfene Anlage war in mehreren Etappen geplant. Die ersten beiden Bauetappen wurden 1954 an der Urne verworfen, doch ein Jahr später bewilligte die Gemeindeversammlung einen Kredit für den Nordabschluss und eine Liegerampe. Nach 30 Monaten Bauzeit wurde das Gartenschwimmbad 1956 eröffnet.

Die neue Anlage war für damalige Verhältnisse grosszügig ausgestattet. Neben den Schwimmbecken standen 400 Plätze in Wechselkabinen, Kastengarderoben für 1052 Personen sowie 408 Einzelkabinen zur Verfügung. Als besondere Attraktion galt das Kinderparadies mit Planschbecken und Schifflibach. Das von Pro Juventute unterstützte Projekt erfüllte die Erwartungen jedoch nie. Der künstliche Bach wurde später zugeschüttet, das Planschbecken 1975 vergrössert.

Familie Grütter unter besonderen Umständen

Seit 2024 ist Alexey Litvynov Chefbademeister der Anlage. Bemerkenswert ist, dass er erst der fünfte Chefbademeister in der 70‑jährigen Geschichte des Gartenschwimmbads ist. Eine besondere Anekdote rankt sich um seinen ersten Amtsvorgänger: Kurt Grütter zog 1955 aus Derendingen nach Grenchen, um die neue Stelle anzutreten. Weil akute Wohnungsnot herrschte, musste er mit seiner Familie zunächst im Sanitätsraum des Schwimmbads wohnen – zum Glück nur vorübergehend. Die Schwimmbadkommission setzte alles daran, für den als ideal geltenden Bademeister rasch eine passende Wohnung zu finden.

Auch das grosse Schwimmbadrestaurant wechselte in den vergangenen sieben Jahrzehnten nur selten den Pächter. Insgesamt sechs Wirte sorgten für das leibliche Wohl der Badegäste. Besonders prägend war Heinz Kiechl, der das Restaurant 1971 übernahm und es bis 2010 gemeinsam mit seiner Frau Flori führte.

Quellen: wiki.stadtgeschichte-grenchen.ch, Jubiläumsbroschüre «50 Jahre Schwimmbad Grenchen», Baudirektion Grenchen

70 Jahre Badi Grenchen – und ein Chef mit Visionen

Als Alexey Litvynov 2024 die Leitung des Grenchner Schwimmbads übernahm, brachte er frischen Wind. Rostige Veloständer strich er rot-weiss, Kabinentüren erhielten einen neuen Anstrich, dazu kamen modernisierte Garderoben und Toiletten, neue Sportgeräte sowie eine zeitgemässe Anzeige für Wasser- und Lufttemperatur.

Zwei Jahre später ist die Handschrift des engagierten Chef-Bademeisters überall sichtbar. Ausgerechnet in der Jubiläumssaison zum 70‑jährigen Bestehen des Schwimmbads gönnt er sich eine kleine Verschnaufpause. Doch wer ihn kennt, weiss: Während der Körper etwas zur Ruhe kommt, arbeiten Kopf und Herz längst an den nächsten Ideen.

Vor einer Woche treffen wir ihn im Schwimmbad an. Die Luft ist 30 Grad warm, das Wasser misst zwischen 23 und 25 Grad. Blauer Himmel, Sommer pur. Er schmunzelt: «An der Jubiläumsfeier Anfang Juni mussten wir uns schier einen Strickpullover überziehen.» Obwohl am Festtag des 1956 eröffneten Schwimmbads alles andere als Badewetter herrschte, kamen 400 Frauen, Männer und Kinder. Für die Jüngsten organisierten er und seine Frau eine Fussballwand, ein Gumpischloss und einen Malwettbewerb. Stolz zeigt er die Zeichnungen. Alle Kinder erhielten ein Geschenk.

Heute wäre eigentlich perfektes Badewetter. Der grosse Ansturm bleibt dennoch aus. Litvynov vermutet, viele seien in den Ferien. Auch während des Summerside Festivals hatte er auf mehr Konzertbesuchende gehofft, die sich in der Badi abkühlen würden. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht.

Die Statistik fällt dennoch erfreulich aus: 4700 Besuchende an einem einzigen Tag markieren den bisherigen Spitzenwert. Zwischen dem 1. Mai und dem 27. Juli 2026 verzeichnete das Gartenschwimmbad bereits 63 500 Eintritte – rund 10 000 mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Der Saisonrekord liegt bei rund 95 000 Eintritten (2015), das schlechteste Resultat der letzten Jahre bei 56 000 Gästen (2007). Die Chancen stehen gut, dass der Rekord zumindest in Reichweite kommt. Spürbar gewesen sei allerdings die Fussball-WM: «Da blieben schon viele fern – trotz schönstem Badewetter.»

Man spürt: Der Mann in seiner vierten Saison brennt für dieses Schwimmbad. Er freut sich über jede Verbesserung und jeden Erfolg, leidet aber auch, wenn wegen anderer Veranstaltungen Parkplätze gesperrt werden müssen.

Stillstand kommt für ihn ohnehin nicht infrage. In seinem Büro zeigt er die Visualisierung einer digitalen Informationstafel, die beim Eingang aufgestellt werden soll. Sie wird Wetter- und Wassertemperaturen anzeigen, Geburtstagsgrüsse einblenden und auf besondere Ereignisse hinweisen.

1956 wird das Gartenschwimmbad Grenchen eröffnet; 2008 Verleihung des Wakkerpreises; 2016 wird die Badi unter Denkmalschutz gestellt.

Chefbademeister:

Kurt Grütter; Bruno Gasser; Enrico Wenger; Paul Joss (2005–2023); Alexey Litvynov (seit 2024).

Restaurantpächter:

Ernst Römer; Hans Liechti; Heinz Kiechl; Jürg Jaeggi (Back-Caffee); Christof Gerber; Eric Heini (seit 2025).

Fakten und Zahlen zur Badi Grenchen*

Betriebskosten/Ertrag (in Franken)**

2023: 1,190 Mio. / 0,486 Mio.

2024: 1,064 Mio. / 0,376 Mio.

2025: 1,115 Mio. / 0,430 Mio.

Wasserverbrauch

Durchschnitt 2014 bis 2022: 39 233 m³ pro Saison

* Die Zahlen wurden uns freundlicherweise von der Baudirektion Grenchen und von der Schwimmbadleitung zur Verfügung gestellt. ** Die Zahlen sind auf- bzw. abgerundet.