Lebensraum für die Natur im eigenen Garten

Es beginnt mit einem jungen Bäumchen und der Hoffnung, dass es eines Tages reichlich Früchte tragen wird. Noch ist es klein, unscheinbar und verletzlich. Doch daraus soll einmal ein stolzer, kräftiger Obstbaum werden. Das Rezept klingt denkbar einfach.

Sie haben ihren Beitrag zum Einpflanzen eines Hochstamm-Apfelbaums geleistet (von links): Markus Cattin, Max Jaggi, Marianne und Ueli von Burg, Chanaya Schott und Käthi Hofer.Bild: Joseph Weibel
Sie haben ihren Beitrag zum Einpflanzen eines Hochstamm-Apfelbaums geleistet (von links): Markus Cattin, Max Jaggi, Marianne und Ueli von Burg, Chanaya Schott und Käthi Hofer.Bild: Joseph Weibel

Man gräbt eine 30 bis 40 Zentimeter tiefe Grube, gibt etwas Kalium, Hornspäne und Kompost hinzu, setzt den Jungbaum mit seinen nackten, angeschnittenen Wurzeln behutsam hinein und füllt das Loch mit Erde. Ein Stützpfosten, der unter den angeschnittenen Leitästen endet, und eine in Form einer Acht gebundene Kokosschnur geben Halt. So einfach wäre es. Doch damit aus einem zarten Jungbaum ein gesunder, ertragreicher Obstbaum wird, braucht es mehr als Erde und gute Wünsche: Fachwissen, Geduld und viel Liebe zur Natur.

Theorie und Praxis auf dem Bauernhof

Wir sind an der Bachstrasse in Bettlach, auf dem Bauernhof der Familie von Burg. Sechs Frauen und Männer haben sich auf einer Weide versammelt. Im Mittelpunkt steht ein rund zwei Meter hoher Jungbaum, der im Garten der Familie herangewachsen ist und nun den Obstbaumbestand ergänzen soll. Im Herbst können die Wurzeln bereits wachsen und sich im Erdreich verankern, bevor der Baum im Frühling zu neuem Leben erwacht. Dass wir bei dieser Pflanzaktion dabei sind, ist kein Zufall. Wir wollen vom Obst- und Gartenbauverein Bettlach wissen, wann und wie Obstbäume und Sträucher am besten gepflanzt werden. Die Antwort gibt es vor Ort – mit praktischem Anschauungsunterricht und fachkundigen Erklärungen. Dabei wird rasch klar: Hinter dem vermeintlich einfachen Pflanzen steckt erstaunlich viel Wissen.

Fachwissen aus erster Hand

Für die Pflanzaktion hat Vorstandsmitglied Ueli von Burg Verstärkung geholt: Marianne von Burg, Vorstandsmitglied Markus Cattin, Präsidentin Käthi Hofer und den ehemaligen Gärtnermeister Max Jaggi aus Trimbach. Letzterer engagiert sich heute als Co-Präsident von Pro Natura Solothurn für Natur und Umwelt und ist ein ausgewiesener Baumkenner. Da kommt eine geballte Ladung Fachwissen zusammen. Entsprechend wird das Pflanzen zur spannenden Lehrstunde.

Wurzeln wachsen auch im Winter

Tolle Erde bietet dieser Standort. Die dickeren Wurzeln sind bereits angeschnitten, zuvor stand der wurzelnackte Baum einige Stunden im Wasserbad. Jetzt kommen Kalium, Hornspäne und Humus hinzu. Alle packen mit an. Marianne von Burg und Praktikantin Chanaya Schott holen Wasser. Die Grube wird aufgefüllt, die Erde angedrückt, ein Schild, und ein kleiner Erdwall umrandet den Baum. Zum Abschluss nochmals Kompost, dann wird kräftig gewässert. «Die Temperaturen sind ideal», sagt Käthi Hofer. Auch im Herbst und Winter wachsen die Wurzeln weiter. Erst bei Bodentemperaturen unter fünf Grad kommt ihr Wachstum weitgehend zum Stillstand. Ueli von Burg rammt inzwischen zwei Stützpfähle in den Boden, dann kommt der Baum dazwischen. Der dünne Stamm wird mit einem Achterband befestigt. So erhält der Jungbaum Halt und Schutz vor starkem Wind. Und Wind gibt es hier durchaus: Von Norden weht der Bergwind, von Süden scheint die Sonne. Die Krone richtet sich mit der Zeit nach dem Licht aus. «Standort und Lage sind entscheidend», erklären die Fachleute. Der Stamm erhält zusätzlichen Schutz, der unmittelbare Bereich wird eingezäunt. Schliesslich sollen die Weidetiere nicht an der jungen Rinde knabbern.

Jetzt heisst es hegen und pflegen

Mit dem Einpflanzen allein ist es nicht getan. Gerade in den ersten Jahren braucht ein Jungbaum besondere Pflege: den Baumschnitt, zuerst den Erziehungsschnitt, später den Erhaltungsschnitt. Dazu gehört der Schutz vor intensiver Sonne. Ein weisser Kalkanstrich reflektiert das Sonnenlicht. Bei starker Sonneneinstrahlung kann sich die Rinde auf bis zu 70 Grad erhitzen. Auch die Schädlingsbekämpfung, Mäuse oder Blattläuse und anderes, müssen im Auge behalten werden. Die ersten drei Jahre wöchentlich wässern während des Sommers. Es braucht viel Kenntnisse, oder man informiert sich. Zum Beispiel bei einem Obst- und Gartenbauverein. «Genau dafür gibt es uns», schmunzelt Käthi Hofer. Der Verein bietet regelmässig kostenlose Obstbaumschnittkurse an – in Theorie und Praxis, von Januar bis März für den Winterschnitt oder für den Sommerschnitt im Juni. «Man muss lediglich eine Baumschere mitbringen», ergänzt Markus Cattin. Ausserdem gibt es schon viele Informationen auf der Website.

Wann kann ich in den ersten Apfel beissen? Hier unterscheidet sich, welcher Baum es ist, ein Nieder- oder Hochstammbaum. Bei optimaler Pflege gibt es im besten Fall nach drei bis acht Jahren erste Früchte. Blüten erscheinen früher, werden aber entfernt, damit der Baum seine Energie ins Wachstum von Stamm und Ästen investieren kann. Licht und Wärme spielen dabei eine entscheidende Rolle. Die Sonne liefert Energie, die Temperatur beeinflusst den Stoffwechsel. Überschüssige Energie speichert der Baum als Stärke in Stamm und Wurzeln, um im Frühling neu auszutreiben. Später werden auch kleine Früchte entfernt. So richtig ernten kann man bei einem Hochstamm nach zehn bis fünfzehn Jahren.

Vom Apfelbaum direkt auf den Kuchenteller

In der warmen Stube der Familie von Burg zeigt sich, was aus Äpfeln alles werden kann. Marianne von Burg tischt einen saftigen Apfelkuchen auf und verweist auf eine Fünf-Liter-Box mit frisch gepresstem Most. Niederstammbäume tragen im Gegensatz zum Hochstamm wesentlich früher Früchte. Das gilt noch mehr für Spindelbäume, die sich sogar im Topf halten lassen. Sie besitzen einen durchgehenden Mitteltrieb mit kurzen Seitentrieben und können bereits nach zwei bis drei Jahren Früchte liefern. Sie sind derzeit stark im Trend.

Eine Hecke als Paradies für Kleinlebewesen

Und dann wären da noch die Wildsträucher. Einheimische Gewächse wie Weiss- und Schwarzdorn, Kornelkirsche, Heckenrose, Vogelbeere oder Schwarzer Holunder bieten unzähligen Kleinlebewesen Nahrung und Lebensraum und fördern die Biodiversität. Max Jaggi holt eine selbst erstellte Illustration hervor. Sie zeigt Nieder-, Hoch- und Baumhecken. In privaten Gärten sind vor allem Niederhecken verbreitet, die zwei bis vier Meter hoch werden. Hochhecken erreichen acht Meter, Baumhecken sogar 15 Meter. Diesen Grössen muss man ebenso Rechnung tragen wie den Grenzabständen zum Nachbarn. Die Vorschriften unterscheiden sich teilweise von Gemeinde zu Gemeinde. Immerhin: Wildsträucher benötigen kaum zusätzliche Nährstoffe. Wichtig sind die richtige Pflanztiefe und ein etappenweiser Rückschnitt. Jährlich sollte höchstens ein Drittel der Hecke zurückgeschnitten werden, damit den Tieren genügend Rückzugsorte bleiben. Bereits zehn Wildstraucharten können 120 Tierarten Nahrung bieten. Die beste Einpflanzzeit ist ebenfalls November bis Dezember. Und damit schliesst sich der Kreis: Wer heute einen Baum oder eine Wildhecke pflanzt, braucht vielleicht etwas Geduld. Doch er schafft etwas, das weit über den eigenen Garten hinausreicht – Lebensraum für die Natur und ein Stück Zukunft für kommende Generationen.

Für Fragen oder Informationen steht der Obst- und Gartenbauverein Bettlach gerne zur Verfügung. https://ogv-bettlach.jimdofree.com