Obstbau Vogt: Die fünfte Generation klopft an

Was darf es sein: Peperoni, Tomaten, Erdbeeren aus dem Hors-sol-Gewächshaus – oder doch lieber eine saftige Frucht vom Baum? Diese Frage muss sich Martina Schluep nicht stellen. Auf gut 2,5 Hektaren wachsen die Bäume mit Äpfeln, Zwetschgen und Birnen buchstäblich in den Himmel.

Martina Schluep-Vogt auf einem der beiden Traktoren bei der Apfelernte – mit freiem Blick auf die Wandfluh. Die Arbeit in der Natur kann so schön sein!Bild: Joseph Weibel
Martina Schluep-Vogt auf einem der beiden Traktoren bei der Apfelernte – mit freiem Blick auf die Wandfluh. Die Arbeit in der Natur kann so schön sein!Bild: Joseph Weibel

Dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt, ist bei Vogts in Grenchen keine Redensart, sondern Tatsache. Dabei hätte es auch ganz anders kommen können. Tochter Martina hatte sich für den Beruf des Zahntechnikers entschieden. Ein Beruf mit attraktivem Berufsbild und geradezu idealen Voraussetzungen. Zahntechnikerinnen und Zahntechniker sind gefragt, werden aber immer mehr zur Mangelware. Das weiss auch Martina Schluep-Vogt. Und doch hat sie sich anders entschieden – vielleicht mit dem Herzen? Sie lächelt. «Jetzt bin ich hier.» Seit letztem Sommer drückt die attraktive junge Frau wieder die Schulbank. In Lindau-Eschikon am Strickhof, der einzigen Fachschule für Obstfachleute in der Deutschschweiz.

Die fünfte Generation steht an der Tür.

Konrad Vogt sitzt etwas versetzt zu seiner Tochter am Tisch. Das hat Symbolcharakter. Er, der den Betrieb in vierter Generation von seinem Vater übernommen hat, tritt einen Schritt zurück und macht seinen Kindern Platz. Auch seinem Sohn Thomas, der sich um Ackerbau und Viehzucht kümmert. Nach dem Abschluss ihrer Lehre werden die beiden als Duo die fünfte Generation auf dem Vogt-Hof einläuten.

Wo sind die Äpfel? Sie hängen schon schwer an den Ästen. In den sogenannten Fahrgassen zwischen den Niederstammkulturen steht ein kleiner Traktor, auf der Rampe eine Pflückerin, die flink die reifen Gala Royal vom Ast pflückt, begutachtet und in den Behälter «I. Qualität» oder «II. Qualität» legt. Das ist noch reine Handarbeit. Pro Stunde werden 50 bis 100 Kilogramm geerntet. Martina Schluep erzählt mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Sie hat den Platz gewechselt vom Zahnlabor in die manchmal launische, aber immer faszinierende Natur. Sie blickt kurz in den blauen Himmel: «So ein Wetter haben wir nicht alle Tage.» Während der Erntezeit hält auch Dauerregen nicht vom Pflücken ab. Wenn die Früchte reif sind, müssen sie so schnell wie möglich vom Baum. Regen und Kälte hin, Sonne her.

Arbeit gibt es genug

In Spitzenzeiten arbeiten bis zu acht Frauen und Männer in den Obstanlagen. Die Erntezeit ist im Vergleich zur Blüte- und Wachstumsperiode der Niederstammkulturen kurz, aber sehr intensiv, da verschiedene Obstsorten mehr oder weniger gleichzeitig reif werden. Arbeit gibt es das ganze Jahr über. Im Winter werden die Bäume geschnitten, dann folgen Pflanzenschutz und Baumpflege. Die Kulturen werden gedüngt und die Pflanzen behandelt, um die grössten Feinde der Obstkulturen fernzuhalten. Bei Äpfeln ist das der Apfelwickler, bei Zwetschgen der Pflaumenwickler. In beiden Fällen nisten sich Würmer in den Früchten ein. Hinzu kommen verschiedene Arten von Blattläusen. Die Fahrgassen werden regelmässig mit Mulch abgedeckt. Das verhindert Unkrautwuchs und dient gleichzeitig als Nahrung für nützliche Bodenlebewesen. Gegen Hagelschlag sind die Obstkulturen mit einem Netzdach geschützt.

Der Direktverkauf

Obstbaumkulturen sind in unserer Region selten. Ein grösserer Betrieb ist die Firma Winkelmann in Studen BE. Mit diesem Betrieb arbeitet Vogt Obstbau zusammen. «Wir bewirtschaften 2,5 Hektaren. Das ist wenig im Vergleich zu Winkelmann auf über 30 Hektaren, aber wir haben nicht die Kapazität, unsere Ernte nur im Direktverkauf und in der Direktvermarktung abzusetzen.» Winkelmann liefert deshalb auch Obst an den Grossverteiler Migros. Die grossen Obstkulturen befinden sich beispielsweise im Wallis, am Genfersee und vor allem in der Ostschweiz (über 46 000 Tonnen Tafeläpfel pro Jahr). Dank dem Migros-Label AdR (Aus der Region) kommen auch die Kleinproduzenten zum Zug. Neben dieser Absatzmöglichkeit liefern die Vogts ihre Früchte an Kleinbetriebe und Läden und verkaufen ihre Produkte und Nebenprodukte (Honig, Most, Konfitüre etc.) im eigenen Hofladen.

So auch am kommenden Samstag beim traditionellen Obst- und Kürbismarkt. Ein reichhaltiges Sortiment an Äpfeln und Birnen steht zum Verkauf. Zum Beispiel: Braeburn, Gala, Diva, Boskoop, Rubinette oder Topas. Nebst den hausgemachten Spezialitäten gibt es Rundfahrten mit dem Öpfuzügli, Verpflegungsmöglichkeiten und als Hin­gucker die Schaumosterei und den Mutterkuhstall mit Kälbern. Für Martina ­Schluep ist der kommende Samstag keine Premiere, sondern gewissermassen der Start in ihr neues Berufsleben, das sie in einem Jahr abschliessen wird, worauf sie sich dann Obstfachfrau EFZ nennen darf.

Die Frage «Noch Zweifel?» wird durch den strahlenden Gesichtsausdruck der jungen Frau pulverisiert. Eine rein rhetorische Frage. Sie nimmt einen reifen, grossen Braeburn in die Hand und zeigt ihn. «Zum Reinbeissen. Nicht wahr?» In der Tat!