So geht Begegnung und Austausch

Zweimal im Jahr verwandelt sich die Küche im Schulhaus Zentrum in einen lebendigen Treffpunkt der Kulturen: Wenn der Duft von exotischen Gewürze in der Luft liegt und fremde Rezepte neugierig machen, geht es um weit mehr als nur ums Kochen. Dann wird gehackt, geschnitten, gerührt, gelacht und erzählt – Menschen mit Migrationshintergrund und Einheimische kommen ins Gespräch, kochen und reden miteinander. Organisiert wird der Kochabend von Granges Mélanges. Anfang März entführte ein polnisches Dreigangmenü die zwölf Teilnehmenden auf eine kulinarische Reise nach Osteuropa. Mitten im dampfenden Geschehen standen auch Joseph Weibel und Lisa Bertelle vom «Grenchner Stadt-Anzeiger» und rührten in Töpfen. Sie schildern in einer weiteren Reportage ihre Erfahrungen.

Autorin Lisa Bertelle (links) mit ihrer Kochpartnerin Thayamathi Manichelvan. Bild: zvg

Autorin Lisa Bertelle (links) mit ihrer Kochpartnerin Thayamathi Manichelvan. Bild: zvg

Maryna Usatenko, Mutter Nadija Usatenko und Autor Joseph Weibel (von links).Bild: zvg

Maryna Usatenko, Mutter Nadija Usatenko und Autor Joseph Weibel (von links).Bild: zvg

Menschen und ihre Geschichten (Lisa Bertelle)

Als ich das Schulhaus 1 in Grenchen betrete, ist es in der neuen Schulküche noch ruhig. Der helle, grosse Raum mit langen Arbeitsflächen wirkt einladend, und sofort kommt mir ein vertrautes Gefühl entgegen. Es ist schon einige Jahre her, seit ich das letzte Mal in einer solchen Küche stand; umso schöner ist das Déjà‑vu-Gefühl.

Da ich etwas zu früh vor Ort bin, helfe ich beim Decken der Tische und beim Bereitstellen der Getränke für den Apéro. Dieser wurde von den Vorstandsmitgliedern von Granges Mélanges, Sabine Schär und Manuela Kaltenrieder, gemeinsam mit Kochkursleiterin Jolanta Ciesielska-Sieradzka liebevoll vorbereitet. Es sind kleine Details, die zeigen, mit wie viel Sorgfalt dieser Abend organisiert ist.

Es ist das erste Mal, dass ich an einem Kochkurs teilnehme, und ich lasse mich darauf ein, ohne genau zu wissen, was mich erwartet. Ich finde mich gemeinsam mit Thayamathi Manichelvan beim Dessertposten wieder. Wir bereiten das Dessert – Mini-Cheesecakes – zu, und während wir Zutaten abmessen und verrühren, kommen wir ins Gespräch. Es ergibt sich ein Austausch übers Kochen und darüber, Neues auszuprobieren. Sie erzählt mir, dass sie im September selbst den nächsten Kochkurs mit tamilischen Gerichten für Granges Mélanges mitorganisieren wird.

An den anderen Posten wird Suppe gekocht und Pierogi zubereitet. Es wird gefragt, gelacht und ausprobiert, und obwohl nicht jeder Handgriff sofort sitzt, entsteht ein Gefühl von Gemeinschaft. Besonders das Falten des selbst gemachten Teigs für die Pierogi ist schwieriger als gedacht. Jolanta Ciesielska-Sieradzka hilft geduldig und zeigt, wie hauchdünn der Teig ausgerollt werden muss und wie man die Pierogi richtig verschliesst. Mit der Zeit verändert sich auch die Stimmung: Auch wenn wir am Anfang alle noch etwas zurückhaltend waren, werden die Gespräche lebendiger und langsam beginnt es, lecker nach Essen zu duf-ten.

Nach rund zwei Stunden setzen wir uns gemeinsam an den Tisch. Der erste Gang wird von der Suppen-Gruppe serviert, doch alle helfen mit, die Teller hineinzutragen, damit wir gleichzeitig essen können. Die Randensuppe ist ein gelungener Einstieg und macht Lust auf mehr. Im Hauptgang werden die Pierogi mit verschiedenen Füllungen serviert, die schnell Anklang finden. Die Mini-Cheesecakes, welche in meiner Gruppe zubereitet wurden, runden das Menü ab. Dass Nachschlag genommen wird, ist der beste Beweis dafür, dass Thayamathi Manichelvan und ich wohl alles richtig gemacht haben.

Am Schluss bleiben noch ein paar Pierogi übrig, weil grosszügig vorbereitet wurde. Jeder darf etwas mit nach Hause nehmen. Zum Abschluss helfen alle gemeinsam beim Aufräumen und Reinigen der Küche. Kurz vor zehn Uhr ist alles wieder so, wie wir es vor vier Stunden angetroffen haben.

Was von diesem Abend bleibt, ist weniger ein konkretes Rezept als vielmehr das Erlebnis selbst. Die Gespräche und das gemeinsame Tun machten diesen Abend besonders und ich kann mir gut vorstellen, bei anderer Gelegenheit wieder teilzunehmen, um nicht nur fremde Kochkulturen kennenzulernen, sondern auch die Menschen und ihre Geschichten dahinter.

Integration geht durch den Magen (Joseph Weibel)

Ich mag Gruppenzuteilungen nicht. Wer nicht die Offensive sucht, wird eingeteilt – dorthin, wo noch ein «Opfer» fehlt. Also entscheide ich mich für den Angriff und stelle mich zu zwei Damen am «Suppen-Tisch». Vier grosse Augen strahlen mich an.

«Ich bin Maryna Usatenko, und das ist Nadija», stellt sie sich und ihre Mutter vor. Sie kommen aus der Ukraine, arbeiten und leben in Grenchen. «Du bist sympathisch», sagt Maryna – und beide lachen herzlich. Ich strahle zurück wie ein Maikäfer.

Jetzt wird es ernst. Vor uns liegt das Rezept für eine polnische Rote-Bete-Suppe: klarer Barszcz. Das klassische Wurzelgemüse ist gesund – reich an Vitamin C, Folsäure, Vitamin B, Eisen und Magnesium.

Kochleiterin Jolanta schaut vorbei und fragt, ob alles klar sei. «Alles klar, Frau Chefin – sobald wir unser Werkzeug gefunden haben.» Schublade auf, Schublade zu. Maryna und ich suchen und finden. Mutter Nadija entpuppt sich als wertvolle Hilfe beim Rüsten der stattlichen Bete.

Zum Rezept gehören Zwiebeln, Knoblauch, Bouillon, Salz, Pfeffer, Majoran – und ein guter Schuss Essig. Von allem natürlich deutlich mehr als zu Hause. Wir kochen schliesslich für zwölf hungrige Mäuler.

Nadija spricht kaum Deutsch. Wenn ich ihr etwas sagen will, lächelt sie mich an – ich weiss: Sie hat mich nicht verstanden. Also verständigen wir uns mit Händen und Füssen. Es funktioniert.

Sie überwacht den kochenden Sud, wäscht, was ihr in die Hände kommt, trocknet und verräumt alles. Löffel und das hölzerne Rührwerk hole ich gefühlt mehrmals wieder aus der Schublade. Ich bitte Maryna, ihrer Mutter auszurichten, sie solle mein Werkzeug doch bitte liegen lassen. Maryna mahnt sie. Nadija strahlt mich an und reinigt weiter Geschirr und Besteck. «Meine Mutter ist eine hervorragende Köchin», sagt Maryna. Ich zweifle keinen Moment. Man spürt es. Und wetten, dass noch vor dem ersten Bissen in der Küche alles blitzsauber ist.

Die Suppe ist fertig. Jetzt wird abgeschmeckt – mit dem erwähnten Schuss Essig. «Das gibt Geschmack, und die Bete behält ihr leuchtendes Rot», erklärt Jolanta.

«Gefällt es euch in Grenchen?», frage ich. Maryna nickt. Sie sind hier zu Hause – jetzt. Ihr eigentliches Zuhause aber liegt in der Ukraine. Und natürlich würden sie gerne zurückkehren.

Jolanta holt uns aus dem Gespräch: Wir sollen den anderen beim Pierogi-Machen helfen. Mit einem Glas werden Teigrondellen ausgestochen und mit einer von vier Füllungen versehen. Maryna zeigt mir, wie man die Teigtaschen verschliesst. Ich scheitere kläglich – und konzentriere mich lieber aufs Fotografieren. Das klappt besser.

Maryna und Nadija falten derweil Pierogi, als gäbe es kein Morgen. Während die Suppe leise köchelt, garen die Teigtaschen im heissen Wasser.

Dann kommt alles auf den Tisch: Suppe und Pierogi. Wir loben uns gegenseitig. Gut gemacht!

Im Spätherbst sind wir wieder dabei – bei der tamilischen Küche. Die beiden Ukrainerinnen strahlen mich an: «Du kommst auch?» Klar doch. Ehrensache.

«Und wir sind wieder in der gleichen Gruppe.» Das ist keine Frage, sondern eine Feststellung. Integration geht eben auch durch den Magen.