Thomas Wehrli – ein Mann mit vielen guten Ideen

Die Kirchenbänke werden leerer, viele Menschen haben den Bezug zur Kirche verloren. Doch wie gelingt es, den Glauben wieder näher zu den Menschen zu bringen? Der Grenchner Pfarreiseelsorger Thomas Wehrli sucht darauf keine Antworten hinter verschlossenen Kirchentüren, sondern dort, wo Menschen leben, feiern und sich begegnen.

Der frühere Journalist Thomas Wehrli (Bild) aus dem aargauischen Frick hat seinen lang gehegten Traum verwirklicht: Nach 32 Jahren im Journalismus und einem ersten Anlauf vor zwanzig Jahren holte er sein Theologiestudium nach. Seit drei Jahren arbeitet er als Pfarreiseelsorger in Grenchen – und sorgt mit ungewöhnlichen Ideen für Aufmerksamkeit. Ob Konzerte unter dem Motto «Pop meets Church» oder ein Motorradsegen im Frühling: Wehrli zeigt, dass Kirche auch anders kann. Wir haben den unkonventionellen Seelsorger getroffen.

Bei über 30 Grad Celsius sucht man Schatten und etwas Kühlung. Rund um das Pfarrhaus an der Lindenstrasse in Grenchen gibt es davon reichlich. Unter einem der grossen Bäume sitzt Thomas Wehrli vor seinem Laptop. Der Mann, der sich seinen Jugendtraum erst mit über 50 Jahren erfüllte, hat viel erlebt – und schlägt bereitwillig das Buch seines Lebens auf, das voller überraschender Geschichten steckt.

Der lange Weg zum Lebenstraum

Lokomotivführer, Polizist oder Feuerwehrmann – das sind Berufe, von denen viele Buben träumen. Priester steht wohl nur selten auf dieser Liste. Bei Thomas Wehrli war das anders. Als Kind lief er auf dem Friedhof dem Priester hinterher, der aus seinem Brevier betete – im Gleichschritt und mit einem eigenen Gebetsbuch in der Hand. Sonntags zelebrierte er in seinem Zimmer Gottesdienst, hielt Predigten und verpflichtete seine Mutter kurzerhand dazu, als Gottesdienstbesucherin teilzunehmen.

Er erzählt diese Episoden mit einem Schmunzeln. Aufgewachsen ist er mit drei Brüdern in einer katholischen Familie. Er war Ministrant und hielt hartnäckig an seinem Wunsch fest, eines Tages Priester zu werden. Bis er realisierte, dass er dafür zölibatär leben muss – und das konnte er sich nicht vorstellen.

Ein «Zwischengang» in der Aargauer Regierung

«Eigentlich wollte ich Jus studieren. Stattdessen begann ich ein Volontariat beim damaligen ‹Aargauer Volksblatt› und lernte am Medienausbildungszentrum MAZ in Luzern das journalistische Handwerk.» Damit begann eine langjährige Karriere in den Medien. Unterbrochen wurde sie nur einmal, als er persönlicher Mitarbeiter und Kommunikationsleiter des damaligen Aargauer Finanzdirektors Roland Brogli (†) wurde. Er unterstützte und begleitete ihn auch während dessen schwerer Tumorerkrankung im Jahr 2004 – rückblickend vielleicht eines jener Erlebnisse, die den Weg zu seiner späteren Berufung mitprägten.

Während dieser Zeit reduzierte Wehrli sein Arbeitspensum, um an der Universität Freiburg Theologie zu studieren. Sein Tagesablauf war allerdings kaum durchzuhalten: Um fünf Uhr morgens fuhr er mit dem Zug nach Freiburg, studierte von acht bis sechzehn Uhr und arbeitete nach der Rückkehr von 18 bis 23 Uhr die Akten für seinen Chef auf. Nach einem Semester musste er sich eingestehen, dass dieses Pensum auf Dauer nicht zu bewältigen war.

Es zog ihn zurück zu seinen journalistischen Wurzeln. Er nahm ein Angebot der «Neuen Fricktaler Zeitung» an. Es folgten weitere Stationen, ehe er zuletzt die Fricktalredaktion der «Aargauer Zeitung» leitete. Gemeinsam mit seiner Frau lebte er wieder in Frick, wo sie als Pfarreisekretärin arbeitete.

Knapp an der Sechs vorbei

Doch der Jugendtraum blieb lebendig. 2016 begann Thomas Wehrli erneut ein Theologiestudium – diesmal im Flexstudium an der Universität Luzern. Gleichzeitig leitete er weiterhin im Vollpen-sum die Fricktalredaktion. Den Master schloss er mit einem Glanzresultat ab. «Mit 5,99 – knapp an der Sechs vorbei», sagt er schmunzelnd. Gleichzeitig wusste er: Mit der Theorie beginnt die eigentliche Praxis erst.

Vor drei Jahren bewarb er sich auf eine Stelle im Pastoralraum Wandflue und fand, wie er heute sagt, seine Berufung. Nach der zweijährigen Berufseinführung entschied er, im Pastoralraum zu bleiben, und übernimmt in diesem Herbst die Nachfolge von Gudula Metzel.

Lange war Wehrli Wochenaufenthalter in Grenchen. Inzwischen ist er gemeinsam mit seiner Frau ins Pfarrhaus nach Bettlach gezogen. «Ich wusste: Wenn du hier Fuss fassen willst, musst du hier wohnen.»

Eigentlich beginnt hier jene Geschichte, die Thomas Wehrli während unseres Gesprächs besonders am Herzen liegt. Das männliche Pendant zu Whoppi Goldbergs «Sister Act»? Wir kommen auf den Film «Sister Act» zu sprechen. Whoopi Goldberg spielt darin eine als Nonne verkleidete Sängerin, die einen verschlafenen Kirchenchor zu neuem Leben erweckt und die Kirche wieder mit Menschen füllt. Gemeinsam lachen wir über die Komödie und gestehen uns, sie beide schon mehrmals gesehen zu haben.

Gibt es Parallelen? Thomas Wehrli muss nicht lange überlegen. Mit seinem Wunsch, Seelsorger zu werden, sei immer auch der Wille verbunden gewesen, die Kirche zu den Menschen zu bringen – und nicht darauf zu warten, dass die Menschen von selbst in die Kirche kommen. «Wir müssen die Leute abholen und neue Gefässe schaffen.»

Genau das versucht er – mit viel Tempo und sichtbarer Begeisterung. «Ich komme aus der Privatwirtschaft. Journalismus verlangt Flexibilität und Schnelligkeit.»

Mit der Opferkerze auf den Marktplatz

So ging er eines Tages mit einem Opferkerzenständer auf den Grenchner Marktplatz, um mit Passantinnen und Passanten ins Gespräch zu kommen. Was freut sie? Was belastet sie? Er sei selbst überrascht gewesen, wie viele Menschen das Gespräch gesucht hätten.

Auch «Pop meets Church» entstand aus diesem Gedanken heraus. Ein ähnliches Konzept kannte er bereits aus Deutschland. Bekannte Popsongs verbindet er mit kurzen, sorgfältig ausgewählten Impulsen über das Leben der Künstlerinnen und Künstler oder über Themen, die in den Liedern anklingen. Nach Konzerten mit Musik von Taylor Swift, ABBA und Ed Sheeran fanden immer mehr Menschen den Weg in die Kirche.

Für Wehrli sind das genau jene neuen Gefässe, welche die Kirche schaffen müsse. «Der Gottesdienst bleibt das Zentrum unseres Glaubens. Aber die heutigen Formen der Liturgie erreicht nur noch wenige Menschen.» Gleichzeitig betont er, wie wichtig ihm die treuen Gottesdienstbesucherinnen und -besucher seien. «Auch mir ist die Tradition wichtig und es geht mir nicht darum, bestehende Formen abzuschaffen, sondern sie durch neue zu ergänzen.»

Und die Jugendlichen?

Auch darauf hat Thomas Wehrli eine Antwort. Er stellt sich den gesellschaftlichen Veränderungen und hat ein neues Oberstufenmodell entwickelt. Denn der Religionsunterricht an der Schule ist in den letzten Jahren zusehends unter Druck geraten. «Ich will agieren und nicht reagieren», sagt er. Sein Ziel ist es, Jugendliche über konkrete Erfahrungen für Lebensthemen und Glaubensfragen zu interessieren: mit einem Gassenrundgang, einem Besuch beim Bestatter oder bei einem Gefängnisseelsorger. Religion soll dort erfahrbar werden, wo das Leben spielt. Thomas Wehrli sprudelt vor Ideen. Manchmal müsse er aufpassen, nicht zu viele Projekte gleichzeitig anpacken zu wollen.

Auch seine Leidenschaft fürs Motorradfahren brachte eine neue Idee hervor. Angeregt durch andere Töffsegnungen organisierte er die erste Motorradsegnung in Grenchen. Rund hundert Motorradfahrerinnen und Motorradfahrer versammelten sich vor der Eusebiuskirche, um sich für die neue Saison segnen zu lassen. Kritikern entgegnete er, gesegnet würden nicht die Maschinen, sondern die Menschen, die darauf unterwegs seien. Die Resonanz – auch in den sozialen Medien – sei durchwegs positiv gewesen.

Ein Gottesdienst an der Aare

Selbst die Hitzetage der vergangenen Wochen inspirieren ihn. Warum, überlegt er, den Gottesdienst nicht einmal an respektive in die Aare verlegen? Dort liessen sich mit der besonderen Atmosphäre ganz neue Akzente setzen.

An Ideen mangelt es Thomas Wehrli jedenfalls nicht. Und wer ihm zuhört, gewinnt rasch den Eindruck: Sein Jugendtraum hat zwar lange auf seine Erfüllung gewartet – stehen geblieben ist er des-halb nie.

> Kurz mal eintauchen

Am Samstag, 18. Juli, um 17.30 Uhr lädt der Pastoralraum Wandflue zu einem besonderen Gottesdienst in die Aarebucht bei der Kapelle in Staad ein. Unter dem Titel «Eintauchen – Kurz. Kühl. Kraftvoll.» dreht sich während 30 Minuten alles um das Wasser – jene Quelle, ohne die kein Leben möglich wäre. Die Feier findet an und in der Aare statt: Pfarreiseelsorger Thomas Wehrli wird für den Gottesdienst in die Aare steigen, die Teilnehmenden können wählen, ob sie ebenfalls in die Aare eintauchen oder die Feier vom Ufer aus mitverfolgen.

Samstag, 18. Juli 2026, 17.30 Uhr in der Aarebucht bei der Kapelle Staad: Gottesdienst an und in der Aare.