Ueli Suter – vom Chappeli auf die grossen Pässe Europas

Grenchen wird heute auch immer als Velostadt benannt. Mit gutem Recht. Eines der grössten Velodromes in der Schweiz steht in Grenchen. Und Grenchen hatte auch einen Radprofi in seinen Reihen: Ueli Suter, geboren 1947 in Grenchen. Im Alter von 25 Jahren erhielt er seinen ersten Profivertrag. Ueli Suter ist im Dezember 2025, 78-jährig, verstorben. Eine Würdigung.

Ueli Suter im Porträt und seinerzeit als Radprofi in Italien.  Bilder: zvg

Ueli Suter im Porträt und seinerzeit als Radprofi in Italien. Bilder: zvg

Aufgewachsen ist Ueli Suter an der Bergstrasse in Bettlach, wo seine Eltern einen Hof bewirtschafteten. Als er sieben Jahre alt war, übernahm die Familie gemeinsam mit Onkel und Tante die Wirtschaft «Chappeli» in Grenchen. Ueli war der Älteste von vier Geschwistern – Rosmarie, Maggie und dem elf Jahre jüngeren Toni – und lernte früh, Verantwortung zu übernehmen.

Der Sport begleitete ihn von klein auf. Zuerst versuchte er sich als Fussballer, später – mit 13 Jahren – als Schwinger im Schwingklub Grenchen. Doch weder der Rasen noch der Sägemehlring waren seine Welt. Seine Bühne sollte eine andere werden.

Nach einem Welschlandjahr absolvierte Ueli in Grenchen eine Lehre als Elektroinstallateur. Parallel dazu entdeckte er beim VMC Grenchen (Velo- und Moto-Club) seine wahre Leidenschaft. Mit Lizenz ausgerüstet fuhr er seine erste Quer- oder Velocross-Saison – auf einem ganz normalen Strassenvelo, mit zurechtgebogenem Rennlenker. Bald jedoch kam die klare Erkenntnis: «Ein Velo ist zum Fahren da, nicht zum Tragen.»

Mit 16 Jahren (1963) wechselte er konsequent zum Strassenrennsport. Als Junior, später als Amateur und Elite-Amateur, steigerte er sich kontinuierlich – bis sich die Resultate einstellten. 1972 gelang der Durchbruch: Siege an der Tour du Canton de Fribourg und am Grand Prix de Lausanne öffneten ihm die Tür zur internationalen Bühne.

Die Krönung folgte mit der Selektion für die Olympischen Spiele in München. Im Mannschaftszeitfahren klassierte sich das Schweizer Team auf Rang 7, im Einzelrennen wurde Ueli 24. Rückblickend meinte er selbstkritisch: «Mit etwas mehr Selbstvertrauen wäre wohl noch einiges mehr drin gelegen.»

Im gleichen Jahr zeigte Ueli bei der Tour de l’Avenir in Frankreich seine ganze Klasse. Auf der legendären Bergetappe hinauf zum Puy de Dôme, dem Vulkan im Massif Central, fuhr er allen davon. Bereits zuvor, am Col du Grand Ballon in den Vogesen, hatte er sich in der Spitzengruppe gezeigt. Am Ende wurde er Bergkönig und angriffigster Fahrer der Tour 1972.

Mit 25 Jahren erfüllte sich damit sein Bubentraum: ein Profivertrag in Italien. Zwischen 1973 und 1981 startete Ueli sechsmal am Giro d’Italia. Die Zielankünfte führten damals durch die Quartiere Mailands, ehe es vor dem Dom zum Finale kam. 1977 wurde er Zweiter der Bergwertung, 1978 – als Teamkapitän von Zonca-Santini – holte er sich das Maglia Azzurra des Bergkönigs. Besonders freute ihn jeweils die Heimfahrt, wenn ihn ein Freund in Mailand abholte.

1978 war ein Ausnahmejahr: Neben dem Bergkönigstitel im Giro belegte Ueli an der Tour de Suisse den hervorragenden 2. Rang, nur 18 Sekunden hinter dem Belgier Paul Wellens.

Legendär blieb auch eine Episode im Herbst 1978. Nach der verregneten Lombardei-Rundfahrt am Samstag war Ueli am Sonntag vertraglich für Quer durch Lausanne verpflichtet. Wegen tagelanger Regenfälle waren sämtliche Nord-Süd-Verbindungen gesperrt – Gotthard, Simplon, Grosser St. Bernhard. Es blieb nur der Umweg: Locarno – San Bernardino – Chur – Zürich – Bern – Lausanne.

Als er morgens gegen fünf Uhr im Hotel ankam, sass oben auf der Treppe Felice Gimondi und fragte erstaunt: «Wo bist du denn durchgefahren?»

Gimondi selbst war über Turin, Bardonecchia, den Fréjus-Tunnel und Annecy angereist – «sehr mühsam», wie er sagte. Ueli hatte einmal mehr bewiesen, dass Ausdauer für ihn nicht beim Rennen endete. 1981 beendete er seine Karriere im Alter von 34 Jahren mit einem starken 6. Rang an der Tour de Suisse.

Nach 18 Jahren im Profiradsport begann ein neuer Lebensabschnitt. Ueli wechselte ins Luzerner Hinterland und arbeitete bei der Villiger Velofabrik in Buttisholz als Produktmanager und Einkäufer. Ab 2003 bis zur Pensionierung war er als Shimano-Einkäufer bei Fuchs-Movesa in Lupfig tätig.

Im Frühling 2018 erhielt Ueli die Diagnose Demenz. Dank der Unterstützung der Memory Clinic Sursee, seines Hausarztes und vor allem dank der unermüdlichen Fürsorge von Rosi, seiner Partnerin – liebevoll sein «Lottosechser» genannt – konnte er lange zu Hause bleiben.

* Hansueli Habegger aus Selzach war 2022 Vizepräsident des Organisationskomitees (OK) für die Etappe der Tour de Suisse in Grenchen. Er ist eng mit dem Radsport verbunden und erinnert sich in einer Würdigung an seinen im Dezember 2025 verstorbenen Freund Ueli Suter, der 1947 in Grenchen geboren wurde.