Vom Traum zum Titel – für seine Stadt

Während andere in seinem Alter am Wochenende feiern, ausschlafen und von Ferien am Meer träumen, schlägt Iseni Albijon einen ganz anderen Weg ein. Der 21‑jährige gebürtige Grenchner jagt keinen Partynächten hinterher, sondern einem Traum, der alles von ihm fordert: einer Karriere als Profiboxer. Dafür verzichtet er auf vieles.

Iseni Albijon hat ein grosses Ziel: Er will Weltmeister werden. Auch für Grenchen, die Stadt, in der er seine Kindheit und Jugend verbracht hat.Bild: zvg

Iseni Albijon hat ein grosses Ziel: Er will Weltmeister werden. Auch für Grenchen, die Stadt, in der er seine Kindheit und Jugend verbracht hat.Bild: zvg

Iseni Albijon bestreitet am 21. November 2025 seinen erster Boxkampf als Profisportler. Bild: Joseph Weibel

Iseni Albijon bestreitet am 21. November 2025 seinen erster Boxkampf als Profisportler. Bild: Joseph Weibel

Während andere in seinem Alter am Wochenende feiern, ausschlafen und von Ferien am Meer träumen, schlägt Iseni Albijon einen ganz anderen Weg ein. Der 21‑jährige gebürtige Grenchner jagt keinen Partynächten hinterher, sondern einem Traum, der alles von ihm fordert: einer Karriere als Profiboxer. Dafür verzichtet er auf vieles.

Wer ist dieser junge Mann, der mir gegenübersitzt und schreibt, er wolle Grenchen vertreten, die Stadt seiner Kindheit und Jugend? Mit nur 21 Jahren hat Iseni Albijon soeben seinen ersten Profivertrag als Boxer unterschrieben und gibt am 21. November 2025 in München sein Profidebüt. Er hat dunkelblondes Haar, Kurzbart und Schnauzer, ist 1,72 Meter gross und wiegt derzeit 95 Kilo – noch zu viel für den ersten Kampf. «Da müssen noch einige Kilo purzeln», sagt er. Er ist überzeugt: Auch Sportler aus kleinen Städten können Grosses erreichen.

Als wir den Termin für das Gespräch vereinbarten, war er noch in Baltimore, Maryland, einer der gefährlichsten Städte der USA, wie er während unseres Treffens sagte. Er war dort in einem Trainingscamp. Unter anderem wurde er von Calvin Ford trainiert, dem langjährigen Trainer von Box-Ikone Gervonta «Tank» Davis. Der 31‑jährige US-Amerikaner sei sein grosses Idol, bekennt Iseni Albijon und erzählt stolz, dass man ihm den Spitznamen «Albanian Tank» gegeben habe. Iseni hat albanische Wurzeln und ist in Grenchen geboren und aufgewachsen. Während der Schulzeit spielte er wie viele seiner gleichaltrigen Freunde Fussball. Sein Vater habe ebenfalls Fussball gespielt, sei dann mit 20 zum Boxen gekommen und habe als Amateur schon Erfolge gefeiert. Später kam er zum Kickboxen und wurde Europameister. «Den Kampf um den Weltmeistertitel hat er gegen einen Amerikaner verloren», erzählt Iseni.

Er ist Einzelsportler

Mit 15 liess sich Iseni von seinem Vater in den Boxsport einführen und dafür begeistern. Er spürte rasch, dass seine Leidenschaft eher für Einzelsportarten geeignet war. Er trainierte im Boxclub Biel-Bienne und zog mit 18 von zu Hause weg. Er wollte Geld verdienen, um sein Leben und seine Leidenschaft auf eigenen Füssen zu finanzieren. Zunächst arbeitete er als Fachbetreuer von Kindern. «Die Arbeit faszinierte mich, aber sie passte nicht zu meinen sportlichen Zielen.» Heute arbeitet er als Logistiker bei einem Arbeitgeber, der viel Verständnis für seine sportlichen Ambitionen hat. Für das Trainingscamp in den USA opferte er seine Ferien. Das letzte Mal «richtig» in den Ferien war er vor drei oder vier Jahren. So genau weiss er das nicht mehr. Er hat seine persönliche Komfortzone längst verlassen.

Durchgetaktete Tage

Gewöhnlich steht Iseni um 4 oder 5 Uhr morgens auf, geht anschliessend joggen oder trainiert im Fitnesscenter und geht dann zur Arbeit. Am Abend trainiert er entweder individuell oder alle zwei bis drei Tage in Zürich. «Fredo» ist sein Coach. Mit ihm ist Iseni sehr verbunden. «Er ist wie ein väterlicher Freund.» Im Gespräch lässt er immer wieder durchblicken, dass er sich als Einzelgänger sieht und damit problemlos leben kann. Seine durchgetakteten Tage und Abende lassen ihm kaum Luft für anderes. Einzig der Sonntag ist ihm als Ruhetag heilig.

Er spricht schnell. Sein Blick und seine Gestik lassen durchschimmern, wie ernst es ihm ist. «Boxen ist ein Hochleistungssport», sagt er. Es brauche sehr viel Konzentration, Kraft und Kondition sowie die Fähigkeit, dem Gegner immer einen Schritt voraus zu sein und seine Schwächen zu erahnen. In Miami lernte er bei einer anderen Gelegenheit einen Boxtrainer kennen, der aus England in die USA eingewandert war. Auch er habe, wie der Trainer in Baltimore, viele Weltstars trainiert und ihm ebenfalls sehr viel beigebracht. Wie lernt man solche Boxgrössen kennen? Über Social Media habe er sich schlau gemacht. Ganz einfach.

Immer an der «Red Zone» sein

«Ginge es nicht auch geografisch näher?» Er spürt den fragenden Blick seines Gesprächspartners und gibt die Antwort vorweg: «In der Schweiz ist der Boxsport nicht so populär.» Die bekannten Profiboxer sind schnell aufgezählt. Mir fallen Fritz Chervet und Stefan Angehrn ein. Es gibt auch andere, mit kaum bekannten Namen. «In den USA wird allgemein mit härteren Bandagen geboxt. Das ist hartes Sparring und nicht mit Europa oder gar der Schweiz vergleichbar.» Da komme auch er an seine Grenzen. Mit «Grenze» ist im Boxen die «Red Zone» gemeint, das ist der Bereich, in dem das hochintensive Trainingsintervall des Boxers bei über 90 Prozent der maximalen Herzfrequenz liegt und eine Ausdauer für hochintensive Aktionen benötigt wird, die denen eines Kampfes ähnelt.

Er will Weltmeister werden

Deshalb will er unbedingt nach Amerika auswandern. In drei Jahren soll es so weit sein. Dafür benötigt er ein Athletenvisum, für das er mit Kosten zwischen 10000 und 15000 Franken rechnen muss. Dort soll seine Karriere als Profiboxer ins Rollen kommen. Das hoffen in den USA jährlich 1000 hoffnungsvolle Talente. «Ein Prozent oder weniger schaffen es», sagt Iseni. Er zählt sich zu diesem einen Prozent. Er weiss, dass man als Profiboxer ein gutes Team braucht. Und auch einen Manager, der Sponsoren akquiriert und Wettkämpfe organisiert. Er hat einen Manager in Deutschland gefunden. Unterstützt wird er auch durch einen persönlichen Freund, Lenny Leisi aus Lohn. Iseni Albijon ist auf einem guten Weg, und sein erster Wettkampf als Profi findet bereits in gut drei Wochen statt. Er fokussiert sich auf den Erfolg und ist überzeugt, dass er es schafft. Anders geht es nicht – vier Wörter sind in Stein gemeisselt: «Ich will Weltmeister werden!»

Er tut es für sich, seine Familie und auch für Grenchen, die Stadt, in der er seine Kindheit und Jugend verbracht hat.