Weltoffen, sympathisch und mit Weitblick

Bischofsvikar Georges Schwickerath begleitete Anfang Mai eine Pilgerreise durch Israel. Auf dem Bild steht Georges Schwickerath im Garten der Paternosterkirche in Jerusalem. Bild: zvg
Bischofsvikar Georges Schwickerath begleitete Anfang Mai eine Pilgerreise durch Israel. Auf dem Bild steht Georges Schwickerath im Garten der Paternosterkirche in Jerusalem. Bild: zvg

Georges Schwickerath betritt leicht aufgeregt und mit zwei Handys in Händen das Sitzungszimmer im Bischofsvikariat St. Verena in Biel. Nein, nicht die Handys – ein dienstliches und ein privates – sind das Problem, sondern die Tatsache, dass seine digitale Zusage zu einer Sitzung von ihm als «abgelehnt» quittiert wird. Er hat, wie so viele Zeitgenossen, seinen Kampf mit den modernen Kommunikationsmitteln ausgefochten und erkannt, dass die virtuelle Organisation des Arbeitslebens nicht nur das Gelbe vom Ei ist. Doch schon in den ersten Minuten der Begegnung wird klar: Hier sitzt mir ein überaus positiver, empathischer und weltoffener Mensch gegenüber.

Zu Recht fragt er sich: Wie kommt ein luxemburgisch-schweizerischer Doppelbürger, der beruflich zwischen Bern, Biel, Solothurn und Delémont pendelt, auf eine Porträtseite des «Grenchner Stadt-Anzeigers»? Eine gute Frage. Nur weil er in Grenchen wohnt, vielleicht – oder weil Grenchen zum Bistum Basel gehört? Ein bisschen von allem, aber vor allem, weil dieser Mann, Mitte 50, geweihter Priester und seit August 2019 Bischofsvikar für den zweisprachigen Bistumsteil St. Verena, sich im März dieses Jahres aus dem Kirchenfenster lehnte und für eine Neudefinition der priesterlichen Lebensform – sprich: die Aufhebung des Pflichtzölibats – plädierte und sich gleichzeitig für die Weihe von Diakoninnen aussprach. Doch dazu später mehr.

Um auf die Eingangs­frage zurückzukommen: Georges Schwickerath ist einfach auch eine sehr interessante Persönlichkeit mit einer aussergewöhnlichen Vita. Nahe der französischen Grenze wuchs er im Kleinstaat Luxemburg auf und lernte neben Deutsch und Französisch auch den Lëtzebuergesch-Dialekt. Lëtzebuergesch ist ein Sprachgemisch und wird als moselfränkischer Dialekt bezeichnet. Sein Vater war Bankbeamter, seine ältere Schwester später auch. Als Georges Schwickerath sich Gedanken über seine berufliche Zukunft machen musste, hatte er keinen Plan. Also machte er nach der Wirtschaftsmatura eine Lehre zum Bankkaufmann. Kurz nach dem Berufseinstieg starb seine Mutter an Krebs. Dieser Verlust traf ihn sehr und warf gleichzeitig viele Fragen auf, auch nach dem Sinn des Lebens und seiner beruflichen Zukunft.

Die Antworten blieben aus, bis in seiner Gemeinde ein neuer Pfarrer eingesetzt wurde. Ein junger Pfarrer, offen für die Jugend und ihre Anliegen. Das gefiel Georges Schwickerath, der sich fortan aktiv am kirchlichen Leben beteiligte. Das gefiel auch dem Pfarrer, der ihn bei einem Glas Wein fragte, warum er nicht Priester werden wolle. Nein. Natürlich nicht, wehrte er die Frage ab. Aber sie liess ihn in seinen zukünftigen Gedanken nicht mehr los. «Und als ich am Tag X ins Auto stieg und den Zündschlüssel umdrehte, da wusste ich: Ich werde Priester.» Es war keine Erscheinung, keine Vision, kein Zeichen, an das er sich erinnern würde. Es war einfach so.

Mit 23 Jahren gehörte er damals zu den Spätberufenen, die nach Luzern oder Chur geschickt wurden. In Luzern landete er, nachdem er nach vier Jahren bei der Bank gekündigt hatte. Der Personalchef war zuerst sprachlos und sagte dann nur: «Sie auch.» Die Luxemburger Staatsbank schien vom Heiligen Geist beseelt zu sein. Zuvor hatte es schon drei Kündigungen aus dem gleichen Grund gegeben. Zwei Männer, die Priester werden wollten, und eine Frau, die eine theologische Laufbahn anstrebte. Schwickerath war also schon der Vierte innerhalb kurzer Zeit. Mit 29 Jahren schloss er sein Studium ab und wurde 1998 in Luxemburg zum Priester geweiht.

Als Priester traf er einen Bekannten in Bern, der ihn ermutigte, sich bei einer katholischen Gemeinde mitten im Diplomatenviertel zu bewerben. Er passte ins Anforderungsprofil: Gesucht wurde ein weltoffener Pfarrer. Er bewarb sich und bekam die Stelle – auch auf Anraten des Generalvikars von Luxemburg. Der schickte ihn als väterlicher Freund nach Bern. Als Vorgesetzter hätte er ihn zurückhalten müssen. Zehn Jahre arbeitete er dort, dann wechselte er ins aargauische Muri, wo er fortan mehrere Pfarreien betreute. «Und jetzt sitze ich hier», schmunzelt der Bischofsvikar und reisst mich aus meinen Gedanken und meinem Staunen darüber, was dieser Mann schon alles erlebt und getan hat.

Was macht ein Bischofsvikar? Darf ich fragen? Vikar kommt vom lateinischen Vicarius und bedeutet Statthalter oder Stellvertreter. Der Bischofsvikar vertritt den Bischof von Basel in der Region St. Verena gegenüber Verbänden und Institutionen in kirchlichen Belangen. St. Verena ist eine von drei Regionen des Bistums Basel mit zehn Kantonen. Zur Region St. Verena gehören die Kantone Bern, Jura und Solothurn. Seit 2004 hat die Bistumsregion ihren Sitz in Biel. Seine Arbeitszeit gestaltet er flexibel, und da die auch ihm auferlegten kirchlichen Handlungen vor allem an den Wochenenden stattfinden, muss er darauf achten, nicht ständig in eine 7-Tage-Woche zu verfallen. In Grenchen zieht er sich nach Feierabend in seine private Sphäre zurück. Er hört gerne klassische Musik, liest viel, am liebsten Krimis. Ferien stehen auch einem Bischofsvikar zu. In diesem Jahr war er zum Beispiel in Jerusalem.

Wie kam der luxemburgisch-schweizerische Doppelbürger nach Grenchen? Eine Restaurationsfachangestellte wies ihm den Weg. Sie wurde in Olten unfreiwillig Zeugin eines Gesprächs zwischen Georges Schwickerath und einem Arbeitskollegen. Er fragte ihn dasselbe wie später die Restaurantmitarbeiterin: «Wo würden Sie lieber wohnen, in Olten oder in Grenchen?» Sie antwortete, ohne mit der Wimper zu zucken: «In Grenchen natürlich.» Und? «Nichts und! Hier habe ich alles, was ich zum Leben brauche. Es gibt zwei Bahnhöfe, vom Bahnhof Nord fahre ich direkt nach Delémont, wo wir unser zweites Büro haben.» Keine weiteren Fragen, Herr Bischofsvikar!

Die Kirche ist immer wieder Kritik ausgesetzt. Manchmal heftig und manchmal nicht immer gerechtfertigt. Während der Pandemie zum Beispiel erhielt die Kirche vom Staat ein faktisches Berufsverbot, wie es teilweise auch in anderen Bereichen der Fall war. «Viele Gemeinden haben mit viel Kreativität Wege gefunden, ihre Gläubigen trotzdem anzusprechen und zu betreuen», blickt er zurück. Nach der Pandemie hätten sich Gläubige vom aktiven kirchlichen Leben abgewandt. Die Gründe dafür seien vielfältig. Auf jeden Fall habe die Pandemie die kirchliche Arbeit verändert.

Die Frage, was Georges Schwickerath vom Zölibat hält, erübrigt sich. Bei einer internationalen kirchlichen Podiumsdiskussion hat er sich dazu klar geäussert. Wir haben es eingangs schon gehört. Aber lassen wir ihn selbst zu Wort kommen. Nein, es sei nicht entscheidend, ob ein Priester verheiratet sei, um ein Paar oder eine Familie zu beraten. Aber er sehe nicht ein, warum ein Priester zölibatär sein müsse, um die Eucharistie, die Quelle des kirchlichen Lebens, feiern zu können. Diese Quelle drohe zu versiegen, wenn am Zölibat und an den jetzigen Zulassungsbedingungen zum Weiheamt festgehalten werde. Theologisch gebe es kaum noch Argumente für ein Festhalten am Zölibat! Das ist eine kurze Zusammenfassung eines längeren Vortrags. Vielleicht hat der eine oder andere die Möglichkeit, mit dieser interessanten Person darüber zu diskutieren.

Zwei Dinge möchte ich noch ansprechen. Hätte er sich – rückblickend nach seiner Berufswahl – eine Lebenspartnerschaft vorstellen können, wenn er nicht an den Zölibat gebunden gewesen wäre? Ja, das hätte er sich vorstellen können. «Auf der anderen Seite wusste ich, als ich mich klar zu meinem Berufswunsch bekannte: Das ist jetzt so.» Frage zwei: Was kommt nach dem Tod? «Da gibt es viele Interpretationen, Meinungen und auch Hoffnungen. Ich sage: Das Leben nach dem Tod ist die Auferstehung des Menschen. Ein neues Leben bei Gott. Wie das aussieht, wissen wir alle nicht!» In seiner Zeit als Priester habe er viele Menschen in den Tod begleitet und zur letzten Ruhe geleitet. «Auf dieser Seite schliessen sie die Augen, auf der anderen Seite öffnen sie sie wieder.»

Bei meinen Recherchen bin ich auf eine bischöfliche Kolumne von Bischofsvikar Georges Schwickerath gestossen mit dem Titel: «Verschiebe nicht auf ­morgen, was du heute noch besorgen kannst.» Das war Anfang Jahr. Letztes Jahr sei seine Schwester an Krebs gestorben. Sie habe zu den Zeitgenossen gehört, die gesagt hätten: «Wenn ich in Rente gehe, mache ich diese oder jene Reise.» Georges Schwickerath schliesst seine kurze, aber sehr eindrückliche Kolumne mit den Worten: «Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, über das Unaufschiebbare nachzudenken in diesem Jahr, das noch vor uns liegt. Das Schöne verdient keinen Aufschub.» Schöner kann dieses Porträt nicht enden.