Wenn es auf der Zelg den Schafen an die Wolle geht
Auf 610 Metern über Meer, im Zelg oberhalb von Bettlach, liegt eine kleine Welt für sich – mit mehr als 250 Schafen und Lämmern, die bald wieder über die Weiden ziehen. Es sind die robusten Saaser Mutten aus dem Oberwallis und die seltenen, fast urtümlich wirkenden Skudden. Ihr leises Blöken mischt sich mit dem zufriedenen Grunzen von 13 Freilandschweinen, die sich genüsslich im Boden suhlen, während über 100 Hühner drinnen und draussen für frische Eier sorgen.
Einmal im Jahr verwandelt sich der Hof in eine Bühne gelebter Tradition: Beim Schafschurfest fallen rund 200 Schafe den geschickten Händen professioneller Scherer zum Opfer – oder besser gesagt: ihre dichte Winterwolle. Es ist ein geschäftiges, beinahe tänzerisches Treiben, drinnen wie draussen, begleitet vom Staunen der Besucher.
Es seien jeweils rund 500 Gäste, schätzt Bauer Daniel Müller, der hier oben mit seiner Frau Esther, Sohn Ruben und dessen Frau Tabea sowie den drei Kindern Biolandwirtschaft in Form einer Generationengemeinschaft lebt. Wenn im März Schafschurfest ist, ziehen auch zwei Kamele gemächlich ihre Kreise. Ebenso geduldig wie sie trägt eine Kuh Kinder auf ihrem Rücken und lässt sie die Welt aus einer neuen Perspektive entdecken.
Auch die Erwachsenen gehen auf Entdeckungsreise: im Stall bei den Schafen, bei den Freilandschweinen, im Hofladen oder beim Setzlingsverkauf, der während der Coronapandemie entstanden ist. Rast und Stärkung bietet die Festwirtschaft mit leckeren Sachen vom Grill und aus der Pfanne.
Es ist einer jener seltenen Tage, an denen alles zusammenkommt: das Leben, die Arbeit, die Tiere und die Menschen. Ein Prachtstag auf dem Hof der Familie Müller, die vor acht Jahren dem Zürcher Unterland den Rücken gekehrt hat, um sich hier den Traum eines Biobauernhofs zu erfüllen. «Das Schafschurfest», sagt Daniel Müller, «soll den Menschen aus der Region den Zugang zu unserem Betrieb ermöglichen. Das gilt insbesondere für die Kinder, die viele Eindrücke mit nach Hause nehmen.» Besonders freut die Familie, dass sie auch am fünften Fest auf Helfer aus der Nachbarschaft zählen darf.
Zurück zu den Schafen: Gewöhnlich verpflichten die Müllers einen Scherer aus der Region. Dieses Mal sind eine Frau und ein Mann aus Deutschland vor Ort, die die Tiere flink und gekonnt von ihrem Winterpelz befreien. Die Wolle geht an die Spycher Handwerk AG in Huttwil, wo unter anderem Isolations- und Dämmmaterial oder auch Dünger daraus entsteht. «Zum Stricken ist die Wolle der Saaser Mutten und der Skudden nicht geeignet», erklärt Müller. Dafür eignen sich Merinoschafe, die inzwischen ebenfalls auf der Zelg gehalten werden. Die Wolle bringt zwar keinen Gewinn, doch entsorgen will man sie auch nicht einfach.
Was bleibt, sind nicht nur die vielen Eindrücke, sondern auch der Hofladen mit Gemüse, Salaten und Früchten sowie Lamm-, Schweine- und – mit Ausnahme – Rindfleisch aus eigener Produktion. Dazu kommen verschiedene Konfitüren, fermentiertes Gemüse der Kimtcherei, die auch das Restaurant führt, als Geheimtipp und natürlich Eier von den Legehennen. Milch, Joghurt und Käse stammen vom Gerbehof in Bibern, Glace im Kübel vom Otti-Biohof in Oberwil bei Büren. Die Devise lautet: saisonal und aus der Schweiz – mit wenigen Ausnahmen wie Orangen und Zitronen.
Und was machen die Müllers sonst noch? Daniel Müller schmunzelt und greift zu einem Flyer: Seit zwölf Jahren bietet er einmal jährlich eine Erlebnisreise nach China an – entstanden eher zufällig. Erst kürzlich war sogar das gesamte chinesische Konsulat von Zürich nach Bettlach auf die Zelg gereist und liess sich bei einem Mittagessen davon überzeugen, dass auch die kleine Schweiz viel zu bieten hat.
Weitere Informationen finden Sie unter: www.neuezelg.ch







